Von der Hohen Pforte zum Pförtner Europas: Flüchtlinge in und aus der Türkei


das Osmanische Reich in seiner größten Ausdehnung

Lange ist es her, da umfasste das Osmanische Reich einen Großteil der arabischen Welt, Kleinasien und den Balkan. Beherrscht wurde das Reich vom Sultan in Istanbul, der zugleich das Oberhaupt der gläubigen Muslime war, zumindest der sunnitischen. Sein Palast in Istanbul war unter dem Namen Bâb-ı Âli (Die Hohe Pforte) bekannt. Das Großreich brach zusammen, und Atatürk konnte im Namen des Nationalstaats, der damals in ganz Europa Mode war, zumindest die Existenz der Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs retten.


Bâb-ı Âli – Die Hohe Pforte


Yeni Osmanlıcılık (Neo-Osmanismus)

Nachdem die EU der Türkei die Aufnahme zum x-ten Mal verweigert hatte, entwickelte sich in der Türkei eine neue Denkschule, die des Neo-Osmanismus. Natürlich wollte sie das Osmanische Reich nicht wiederbeleben, aber die Grundidee war die, lieber eine führende Rolle in der arabischen Welt zu spielen statt ständig vor den Pforten Europas auf Einlass zu warten. Der neue Ansatz entwickelte sich unter Erdogan gut. Die Geschäfte mit den arabischen Staaten boomten, mit der türkischen Wirtschaft ging es aufwärts. Bis der Krieg in Syrien ausbrach, das für die türkische Industrie ein wichtiger Handelspartner geworden war. Zwar mögen einige in der Türkei noch vom Erdölschmuggel profitiert haben, mit dem der Islamische Staat seine Armee finanzierte, aber für Investitionen war ein Land wie Syrien zu riskant. Aus der Traum vom Führer der islamischen Welt, und sei es auch nur in den Nachbarstaaten. Der Krieg sorgte allerdings für einen zunehmenden Strom von Flüchtlingen aus Syrien. Für sie ist die Türkei an erster Stelle Aufnahmeland, Präsident Erdogan sprach am 27.12.2015 gegenüber dem Sender al-Arabiya von 2,2 Millionen syrischen Flüchtlingen, die in der Türkei leben. Zugleich ist die Türkei Transitstaat für alle, die Sicherheit in Westeuropa suchen. Das missfällt Europa, und so wurde Bundeskanzlerin Merkel damit beauftragt, den türkischen Präsidenten Erdogan davon zu überzeugen, die Grenzen für die Syrer zu schließen. Im Gegenzug sollte die Türkei von der EU 3 Milliarden Euro erhalten, nicht viel Geld, wenn man bedenkt, was die Türkei durch den Krieg in Syrien verloren hat.

Und trotzdem macht sich die türkische Armee ans Werk, wie man auf der Webseite www.tsk.tr nachlesen kann. Hier eine Übersicht aus den letzten Tagen:

Unter der Rubrik Tagesaktivitäten wird für den 23. Dezember berichtet, dass 700 Personen an der türkisch-syrischen Grenze an der „illegalen Einreise“ gehindert wurden.

Für den 24. Dezember wird berichtet, dass 581 Personen festgenommen wurden, die illegal über die türkisch-syrische Grenze einreisen wollten, 2 weitere, die illegal über die türkisch-iranische Grenze einreisen wollten, 25, die illegal nach Griechenland, und 22, die illegal nach Bulgarien ausreisen wollten.

Für den 25. Dezember wird berichtet, dass 669 Personen festgenommen wurden, die illegal über die türkisch-syrische Grenze einreisen wollten, 3 weitere, die illegal über die türkisch-irakische Grenze einreisen wollten, 3 weitere, die illegal über die türkisch-iranische Grenze einreisen wollten, sowie 18, die illegal nach Griechenland ausreisen wollten.

Für den 26. Dezember wird berichtet, dass 697 Personen festgenommen wurden, die illegal über die türkisch-syrische Grenze einreisen wollten, 25 weitere, die illegal über die türkisch-irakische Grenze einreisen wollten, 26, die illegal nach Griechenland, 21, die illegal nach Bulgarien ausreisen wollten.

Für den 27. Dezember wird berichtet, dass 707 Personen festgenommen wurden, die illegal über die türkisch-syrische Grenze einreisen wollten, 18 weitere, die illegal über die türkisch-irakische Grenze einreisen wollten, sowie 19, die illegal nach Griechenland ausreisen wollten.

Somit hat die Türkei in 5 Tagen 3354 Personen an der Einreise aus Syrien in die Türkei gehindert, sowie 131 Personen festgehalten, die in EU-Staaten ausreisen wollten.


Kurt Tucholsky schrieb 1930: „Das deutsche Schicksal: Vor einem Schalter zu stehen. Das deutsche Ideal: Hinter einem Schalter zu sitzen.“
Geht es den Türken besser?

Die EU hat die Türkei somit zum Pförtner Europas degradiert. Allerdings kann es gut sein, dass die Rechnung nicht aufgeht. So fällt auf, dass die Türkei an ihrer Ostgrenze wesentlich mehr Menschen zurück nach Syrien schickt als sie im Westen an der Weiterreise nach Griechenland und Bulgarien hindert.

Mehr noch. Die türkische Armee hat Mitte Dezember damit begonnen, in verschiedenen Städten im Südosten der Türkei Gräben und Barrikaden zu erobern, die von Kurden errichtet wurden, um den Zentralstaat in diesen Stadtteilen auszuschalten. Die Militäroperationen haben allein in Cizre und Silopi schon zur Flucht von über 150.000 Menschen geführt, die derzeit noch in der nächstgrößeren Provinzhauptstadt gelandet sind. Wenn der Krieg weitergeht – und er weitet sich über immer größere Gebiete im mehrheitlich kurdisch bewohnten Südosten aus – dann wird die nächste Fluchtwelle nicht mehr aus Syrien kommen, sondern aus der Türkei. Und im Gegensatz zu den Syrern verfügen die Kurden und Türken schon über ein großes Netz von Kontakten in Europa, so dass eine Verhinderung der Einreise noch viel schwieriger wird als bei den Syrern. Das werden sich die Europäer nicht so gedacht haben, als sie mit Erdogan ins Geschäft kamen…

Quelle:
http://www.tsk.tr/4_olaylar/4_1_gunluk_faaliyetler/gunlukfaaliyetler.html

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