Iran – Saudi-Arabien: Hinrichtung – Brandstiftung – Abbruch der Beziehungen

Am Samstag, den 2. Januar 2016, wurde in Saudi-Arabien der schiitische Geistliche Scheich Nimr Baqir an-Nimr hingerichtet, zusammen mit 46 weiteren zum Tode Verurteilten.


Abbild von Scheich Nimr Baqir an-Nimr (im deutschen Wikipedia unter Nimr Baqir al-Nimr zu finden)
Nimr Baqir an-Nimr gehörte zu den Kritikern des saudischen Regimes.

Noch am selben Tag forderte die saudische Regierung den iranischen Botschafter in Saudi-Arabien auf, die iranische Regierung solle für die Sicherheit ihrer Botschaft in Teheran und ihres Konsulats in Maschhad sorgen.
Die Ermahnung nützte nichts, und es ist kaum anzunehmen, dass die Herrscher Saudi-Arabiens etwas anderes erwartet hätten.

Brandstiftung in Teheran und Maschhad
So kam es noch in den späten Abendstunden des 2. Januars 2016 in Teheran und Maschhad zu gewalttätigen Angriffen auf die saudischen Vertretungen in Teheran und Maschhad. Die Angreifer warfen Molotow-Cocktails und konnten sowohl in der Botschaft wie Teheran wie auf dem Balkon des Konsulats in Maschhad einen Brand auslösen. Außerdem drangen sie in die Botschaft in Teheran ein und verwüsteten das Innere.
Auf Video-Aufnahmen dieser Szenen in Teheran ist zum einen der Ruf „Allahu akbar“ (Gott ist der Größte) zu hören, im Chor, außerdem an einer Stelle, an der man sieht, wie ein Brandsatz sein Ziel erreicht, die Worte: „ma: sha:’a alla:h“ (im Persischen ein Ausdruck der Bewunderung, wörtlich: Gott möge es wünschen.)

Der Chef der Teheraner Polizei, Hossein Sadschedi, erklärte laut einer Meldung der iranischen Nachrichtenagentur ISNA: „Samstagnacht gegen 22:20 Uhr versammelten sich eine Reihe von ‚eigenmächtig handelnden Kräften‘ vor der arabischen Botschaft und gingen dann dazu über, Steine und Molotow-Cocktails auf das Botschaftsgebäude zu werfen.“

Eigenmächtig handelnd?
Das Code-Wort ‚niru-haye xod-sar“ – eigenmächtig handelnde Kräfte besagt alles. So werden in der amtlichen Sprache von den Pasdaran und Bassidschis kommandierte Kräfte bezeichnet, die keineswegs eigenmächtig handeln, sondern im Dienste des Religiösen Führers Ajatollah Chamene’i tätig werden. Nur wird der Polizeichef sich hüten, diese Kräfte bei Namen zu nennen, sie genießen höchsten Schutz und sind vor der Justiz immun. Selbst wenn einige Schläger vor Gericht gestellt werden sollten, die Auftraggeber und die Organisatoren werden es gewiss nicht. Angriffe auf eine Botschaft gehören im Iran zu den Methoden, die fundamentalistische Ajatollahs gutheißen (früher Ajatollah Chomeini, jetzt Ajatollah Chamene’i und Ajatollah Mesbah-Yasdi). Bekannt ist die Besetzung der US-Botschaft im November 1979 unter Ajatollah Chomeini, die letztlich zur Ablösung des US-Präsidenten Jimmy Carter durch Ronald Reagan führte.
Am 29. November 2011 kam es zur Stürmung der britischen Botschaft in Teheran, in Zusammenhang mit der Verhängung von Sanktionen gegen den Iran wegen des Atomprogramms. Die Botschaftsbesetzer wurden von der Polizei rasch wieder freigelassen. Auch damals war von ‚eigenmächtig handelnden Kräften‘ die Rede gewesen.


Teheran, 4.1.2016

Weitere Demonstrationen in Teheran
Laut BBC fanden auch am Montag, den 4. Januar 2016, weitere Demonstrationen in Teheran statt. Die roten Fahnen, die man auf dem Foto sieht, sind weitgehend einer Machart. Dies zeigt deutlich, dass es sich nicht um ‚eigenmächtige Kräfte‘ handelt, sondern dass das Auftreten dieser ‚Demonstranten‘ wohl organisiert ist. Es gibt im Iran genügend Hinrichtungen – von Arabern aus Ahwas, von Belutschen aus Sistan und Balutschistan, von Kurden im Westen, gegen die die Betroffenen auch demonstriert haben, aber gegen sie geht die iranische Staatsgewalt anders vor.

Saudi-Arabien bricht Beziehungen ab
Am Abend es 3. Januar gab der saudische Außenminister bekannt, dass Saudi-Arabien die Beziehungen zum Iran abbreche, seine eigenen Botschafter abgezogen habe und der Iran seine ebenfalls abziehen müsse. Einen Tag später legte er nach: Auch die Flüge nach Teheran würden eingestellt, die Wirtschaftsbeziehungen eingefroren.

Azhar-Universität in Kairo unterstützt saudischen Staatsterror
Bezeichnend ist die Haltung der sunnitischen Geistlichkeit an der Azhar-Universität in Kairo, deren Koranauslegung in der sunnitischen Welt großes Gewicht hat. Die Geistlichen befanden, dass Saudi-Arabien mit den Hinrichtungen von 47 „Terroristen“ Gottes Gesetz auf Erden ausgeführt habe. Scheich Fauzi az-Zafza:f von der Azhar-Universität zitiert laut der arabischen Webseite al-arabiya als Rechtfertigung sogar folgenden Vers aus dem Koran.


Hier die Übersetzung, die auf einer deutschen Koran-Seite zu finden ist, die den Text an dieser Stelle als ironisch gemeint interpretiert, weil sie die Worte des Pharaos wieder aufgreife.

5. Sure (al-Ma’ida) – Vers 33:
„Der Lohn derer, die gegen Allah und Seinen Gesandten Krieg führen und Verderben im Lande zu erregen trachten, soll sein, daß sie getötet oder gekreuzigt werden oder daß ihnen Hände und Füße wechselweise abgeschlagen werden oder daß sie aus dem Lande vertrieben werden. Das wird für sie eine Schmach in dieser Welt sein, und im Jenseits wird ihnen eine schwere Strafe zuteil.“
Übersetzung zitiert aus:
http://www.meine-islam-reform.de/index.php/artikel/derkoran/699-sure-5-vers-33-qdie-haende-und-fuesse-wechselseitig-abschlagenq.html
Ironie war noch nie die Stärke von Glaubenseiferern…

Was steht hinter dem Schlagabtausch?
Es ist klar, dass die Hinrichtung des schiitischen Geistlichen durch Saudi-Arabiens Regierung eine geplante Aktion war, die wohl auch mit der Absicht geführt wurde, einen Abbruch der Beziehungen herbeizuführen, ohne selbst als „Schuldiger“ dazustehen. Denn dass die Regierung Rouhani im Iran nichts zu vermelden hat, wenn Ajatollah Chamene’i die Pasdaran auf die Straße schickt, wissen die Saudis auch. Laut iranischer Verfassung gehört die Außenpolitik zum Aufgabenbereich des Religiösen Führers, auch das wissen die saudischen Herrscher. Die Frage ist, warum die Hinrichtung jetzt erfolgte – das Urteil wurde schon im November 2014 gesprochen. Es spricht manches dafür, dass der Krieg in Syrien die Ursache sein könnte, in dem Saudi-Arabien die sunnitische Organisation „Islamischer Staat“ unterstützt, während der Iran die Schiiten in Milizen organisiert und die Regierung Baschar al-Assads stützt. Nach den Anschlägen von Anhängern des Islamischen Staats in Paris ist die Gruppe unter Druck geraten, Saudi-Arabien und Iran sollten beide an den Gesprächen über eine Friedenslösung in Syrien beteiligt werden. Der Abbruch der Beziehungen ist ein praktischer Weg, gemeinsamen Verhandlungen aus dem Weg zu gehen, der Krieg in Syrien wird also so bald kein Ende finden.

http://www.radiofarda.com/content/f7-ksa-severs-ties-with-iran/27465470.html
http://www.radiofarda.com/content/o2-saudi-embassy-tehran-attacked/27464487.html
http://www.bbc.com/persian/world/2016/01/160102_l20_nimr_saudi_arabia_execution
http://www.alarabiya.net/ar/arab-and-world/egypt/2016/01/02/%D8%A7%D9%84%D8%A3%D8%B2%D9%87%D8%B1-%D8%A7%D9%84%D8%B3%D8%B9%D9%88%D8%AF%D9%8A%D8%A9-%D9%86%D9%81%D8%B0%D8%AA-%D8%AD%D9%83%D9%85-%D8%A7%D9%84%D9%84%D9%87-%D8%A8%D8%AD%D9%82-%D8%A7%D9%84%D8%A7%D8%B1%D9%87%D8%A7%D8%A8%D9%8A%D9%8A%D9%86-.html

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