Türkei in der Märtyrerspirale


20.000 Menschen in Kocaeli geben dem ums Leben gekommenen Soldaten das letzte Geleit

Seit 11. bzw. 14. Dezember 2015 herrscht in der Türkei wieder Krieg in den vorwiegend kurdisch besiedelten Gebieten. Ziel des Kriegs ist es, drei von der PKK unter Kontrolle gebrachte Stadtgebiete in Sur (Diyarbakır), Cizre (Şırnak) und Silopi (Şırnak) zurück zu erobern.
Laut Meldung des türkischen Generalstabs vom 10. Januar 2016 wurden bis zum Vortag in Cizre 252, in Silopi 122 und in Sur 74 „Terroristen unschädlich gemacht“. Wobei die Wortwahl des Militärs auf Verwischung abzielt. Wenn „Terroristen“ getötet wurden, heißt es stets: etkisiz hale getirildiler. Wenn sie verhaftet wurden, ist von Verhaftungen die Rede. Bei der Aufsummierung der „Erfolge“ sind dann aber sowohl die Verhafteten als die Getöteten unter dem Oberbegriff „etkisiz hale getirilenler“ verzeichnet, so dass man die Toten unter Abzug der Verhafteten erhält: Bis zum 9.1.2016 sind das 448 minus 90 Personen, ergibt 348 Tote auf kurdischer Seite, die in die Kämpfe verwickelt waren.
Verhaftete gibt es in der Regel kaum, nur an zwei Tagen sind den Staatsorganen 58 und 24 „Terroristen“ in die Hände gefallen, die in Silopi im Volk untertauchen wollten. Hinzu kommen die ermordeten Zivilisten, von denen das Militär während der ganzen „Operation“ nur einen Fall weiss: Den eines 5-jährigen Kindes, das durch Schüsse von Terroristen umgekommen sei.

Zivilisten – die unsichtbaren Toten
Im Sonderbericht des Demokratischen Türkeiforums vom 27.12.2015, das sich auf einen Bericht der Stiftung für Menschenrechte in der Türkei (TIHV) über die „Verletzungen des Rechts auf Lebens während der zwischen dem 11. und 25 Dezember 2015 verhängten Ausgangssperren“ stützt, ist allein für die Zeit vom 11. bis 25. Dezember 2015 von 41 ermordeten Zivilisten in den Gebieten Diyarbakır-Sur, Mardin-Dargeçit, Şırnak-Cizre und Silopi die Rede. Schon während der Ausgangssperren, die ab 16. August 2015 in mindestens 17 kurdischen Städten verhängt wurden, kamen mindestens 124 Zivilisten ums Leben.

Rache versprochen
In kurdischen Quellen finden sich mehr Angaben zu den Opfern des jüngsten Kriegs in der Türkei… und bezeichnend sind die Überschriften der entsprechenden Internet-Artikel „PKK intikam sözü verdi“ (yeni özgür politika, 09.01.2016) – die PKK hat versprochen, Rache zu nehmen. In diesem Artikel wird nicht nur an die drei Kurdinnen erinnert, die am 9.1.2013 vom türkischen Staat in Paris ermordet wurden, sondern auch an drei neue Opfer – die Lokalpolitikerinnen Sêvê Demir, Pakize Nayir und Fatma Uyar, die am 5.1.2016 in Silopi umgebracht wurden. In einer anderen Nachricht der gleichen Webseite vom selben Tag wird von Hüseyin Akyüz berichtet, auf den am 8.1.2016 in Nusaybin (Mardin) von einem gepanzerten Fahrzeug aus das Feuer eröffnet wurde. Die Überschrift:
„Oğlum Kürdistan’ın şehididir“ (mein Sohn ist ein Märtyrer Kurdistans).

PKK-Anschlag auf AKP-Kandidaten
Am 9.1.2016 hat die PKK in İdil (Provinz Şırnak) eine Straßensperre errichtet und gezielt auf Cihan Güven geschossen, als dieser dort mit seinem Auto aufkreuzte. Er überlebte den Anschlag. Cihan Güven wird als Führer des Neman-Clans bezeichnet, bei dem es sich vorwiegend um sunnitische Kurden schafiitischer Richtung handelt. Er war bei den Wahlen vom 1. November 2015 Kandidat auf der AKP-Liste (an 3. Stelle). Der Überlebende dürfte einflussreich genug sein, den Anschlag auf Wegen jenseits der Gesetze zu vergelten.

Staatsbegräbnis für unsere Helden
Es versteht sich, dass die gefallenen Soldaten vom Staat entsprechend gewürdigt werden, ganz im Gegensatz zu den toten Kurden, bei denen die Angehörigen – trotz Ausgangssperre! – sich beeilen müssen, die Leichen abzuholen, sonst beerdigt sie der Staat in drei Tagen nach der Identifizierung.
So wurden die Begräbnisse von zwei Soldaten, die in Särgen aus dem Kriegsgebiet zurückgeschickt wurden, zu einer Feierlichkeit, an der Tausende von Menschen teilnahmen. Es ist klar, beide Seiten haben Angehörige, Eltern, eine Frau, zum Teil auch Kinder. Das führt dazu, dass die Gefühle auf beiden Seiten hochgeschaukelt werden.
Am Begräbnis des 23-jährigen Ümit İnan aus Kocaeli, der in Cizre von der PKK umgebracht wurde, nahmen 20.000 Menschen teil. Hier ein Transparent von seiner Beerdigung:
Şehitler ölmez, Vatan bölünmez – Die Märtyrer sind unsterblich, das Vaterland unteilbar.
Dies wurde auch als Parole gerufen, ebenso wie:
Dişe diş kana kan intikam. – Zahn um Zahn, Blut um Blut – Rache.
Erdogan, die sogenannten Sicherheitskräfte und die PKK haben es geschafft, die Türkei wieder 20 Jahre zurückzuwerfen.


Ein Sarg von kurdischen Zivilisten, die jetzt vom Staat umgebracht wurden


Der Sarg eines im Städtekrieg von PKK-Anhängern umgebrachten Soldaten

Zwei Särge – zwei Welten – so unterschiedlich behandelt der Staat seine Bürger.

http://www.tsk.tr/4_olaylar/4_2_onemli_yurtici_olaylar/onemliyurticiolaylar.html

http://www.radikal.com.tr/turkiye/idilde-yol-kesen-pkklilar-ak-parti-milletvekili-adayini-vurdu-1497639

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