Islam: Verschleierung der Leere


Akbar Gandschi

Der seit Juni 2006 im Exil lebende iranische Journalist Akbar Ganji (Gandschi), der aus einer religiösen Familie stammt, früher selbst den Revolutionswächtern angehörte und zeitweilig sogar einer von Ajatollah Chomeinis Leibwächtern war, hat sich in den 1990-er Jahren wegen seiner Regimekritik eine mehrjährige Gefängnisstrafe eingehandelt. Seine Kritik am iranischen Staatsislamismus ist deshalb wichtig, weil sie eine Entwicklung des Denkens innerhalb der früheren Anhänger des islamischen Staates zeigt.

Der Schleier der Frau – die letzte Fahne der bärtigen Islamisten
Akbar Ganji schreibt in seiner Analyse vom 23.04.2016 über die Rolle der Verschleierung der Frau im Islamismus: „Die Rechtsgelehrten haben die Verschleierung zu einer Identitäts- und Charakterfrage gemacht. Als könne sich die Islamische Republik einzig und allein auf die Verschleierung der Frauen berufen, wenn es darum geht, ihr islamisches Wesen zu beweisen. Eine ’schlechte Verschleierung‘ – denn unverschleierte Frauen gibt es im Iran ohnehin nicht – wird gleichgesetzt mit einer Verleugnung der Islamischen Republik, ihrer Identität und ihres Charakters. Angesichts dessen sind die Geistlichen der Auffassung, dass man den Frauen den Schleier mit Gewalt aufzwingen müsse.“

Akbar Ganji befasst sich im folgenden mit den gängigen Argumenten zur Zwangsverschleierung:
„1. Religiöse Gründe: Die zwei, drei Verse im Koran über den Schleier geben absolut nichts dafür her, dass der Schleier eine religiöse Pflicht sei. Und selbst wenn die traditionellen und fundamentalistischen Interpreten der Meinung sind, dass der Schleier vom Standpunkt des Korans verpflichtend ist, so handelt es sich um eine persönliche Aufgabe der Gläubigen, nicht aber darum, dass die Rechtsgelehrten sie unter Rückgriff auf die ‚Höhere Gewalt‘ der staatlichen Institutionen allen Frauen aufzwingen.
2. Moralische und menschenrechtliche Gründe: Die Frauen sind Eigentümer ihres Körpers und sie müssen selbst über ihre Bekleidung entscheiden. Den Frauen von heute eine Lebensweise der Araber von vor 1400 Jahren aufzuzwingen, ist moralisch nicht gerechtfertigt und als Menschenrechtsverletzung zu betrachten. Ein System, das seine Bevölkerung ständig mit dem Schreckgespenst der „Verwestlichung“ einschüchtert, darf auch keine „Ver-Arabisierung“ befürworten und aufzwingen.
3. Vom Resultat her: Die Rechtsgelehrten haben in den vergangenen 37 Jahren unter Rückgriff auf die „Höhere Gewalt“ den Schleier aufgezwungen. Aber heute jammern sie noch immer, warum die Frauen schlecht verschleiert sind. Die Bedeutung dieses Geständnisses kommt einer völligen Niederlage gleich. Einer Niederlage mit verschiedenen Aspekten:

Die Niederlage der Ajatollahs
a) Die Gelehrtenmeinung des Religiösen Führers über Recht und Unrecht: Die Hofgeistlichen behaupten, dass die Ansichten des Obersten Rechtsgelehrten für alle den Unterschied zwischen Recht und Unrecht deutlich machen (Fasl-o l-chetab). Aber wenn man dann man genauer nachfragt, ziehen sie sich zurück und sagen, es handle sich um eine Regierungsangelegenheit, nicht um eine persönliche Frage, wonach jeder einzelne selbst dafür zuständig ist, die Rechtsgebote seiner religiösen Autorität (Mardscha‘e taqlid, wörtlich: Instanz der Nachahmung) zu verwirklichen.
Die Geistlichen betrachten den Schleier nicht als Privatsache, sondern als gesellschaftliche Frage, gar als Grundpfeiler der Identität der Islamischen Republik. Und Ajatollah Chamene‘i (AdÜ: der derzeitige Religiöse Führer) betrachtet den Schleier nicht nur als verpflichtend im Sinne der Scharia, am 4.10.1370 (Ende 1991) hat er sogar erklärt: „Ich sage, dass der Tschador die beste Form der Verschleierung ist.“
(AdÜ: Der Tschador ist das schwarze Tuch, das die Frau völlig umhüllt, nicht nur ihren Kopf).
Am 20.07.1373 (Herbst 1994) sagte er: „Der Tschador ist besser als die anderen Verschleierungen.“
Und am 4.12.1377 (Anfang 1999): „Unser iranischer Tschador ist tatsächlich die überlegene Verschleierung. Daran sollten keine Zweifel bestehen.“
Wenn es sich bei seinen Worten um „weise Worte des Rechtsgelehrten zur Unterscheidung von Recht und Unrecht“ handelte, dann hätte er den Frauen nicht mit der Gewalt der Waffenträger den Schleier aufgezwungen. Denn wenn die Frauen von seiner Auffassung überzeugt gewesen wären, hätten sie diese selbst umgesetzt.“

Autoritäten, die keine sind
b) Die religiöse Autorität (Instanz der Nachahmung, Mardscha‘e Taqlid), die keine ist: Die Personen, die sich selbst für eine religiöse Autorität halten, haben diese Autorität nie besessen, weder früher noch heute. Denn wenn ihre Worte als die einer Autorität betrachtet würden, hätten die Frauen sie auch umgesetzt und es wäre gar nicht nötig, zu brutaler Gewalt zu greifen. Die „schlechte Verschleierung“ ist eines der wichtigsten Indizien, dass die „religiösen Autoritäten“ gar keine sind.

37 Jahre Terror und noch immer keine Begeisterung für den Schleier
c) Die Niederlage von Gewalt und Strafe: Um den Frauen die islamische Verschleierung aufzuzwingen, schreckt die Islamische Republik auch vor willkürlicher Gewalt und Strafe nicht zurück, weder früher noch heute. Aber die Anwendung dieser Politik von Gewalt und Strafe hat in einer Niederlage geendet. Die Frauen nehmen heute immer mehr Abstand von der aufgezwungenen Lebensweise der Islamischen Republik. So erklärte Ajatollah Mouhidi-Kermani während des Freitagsgebets vom 3. Ordibehesht 1395 (April 2016):
„Ich ermahne die Einzelnen und sage frei heraus: Ihr sollt wissen, dass alle eure schlechten Taten unter den Augen der Geheimpolizei stattfinden. Man wird sich mit euch in der angemessensten Form befassen. Manchmal heißt es, dass die Menschen frei seien. Ja, die Menschen sind frei. Aber ihre Freiheit kennt Grenzen. Und die Freiheit, die das Gewicht des Systems herabwürdigen will und das Blut der Märtyrer beleidigen will, ist verboten… Wenn jemand am Steuer seines Fahrzeugs den Schleier ablegt, kann man nicht mehr gleichgültig bleiben.“ Diesen Worten fügte er noch die Warnung hinzu: „Die Ordnungskräfte haben Tausende Zivil gekleidete Beamtinnen und Beamte eingestellt“, um die Verschleierung der Frauen zu überwachen.
d) ‚Schlechte Verschleierung‘ als Symbol der Gegnerschaft zum Regime: Die Rechtsgelehrten behaupten ständig, dass die schlechte Verschleierung ein Symbol der Gegnerschaft zur Islamischen Republik sei und man sie deshalb unterbinden müsse. Ajatollah Mouhidi-Kermani erklärte hierzu während des Freitagsgebets vom 3. Ordibehesht 1395 (April 2016): „Diejenigen, die sich schlecht verschleiern oder den Schleier ganz ablegen, wollen dem System eins auswischen. (…) Es ist unbedingt die Aufgabe der Ordnungskräfte, gegen diese öffentlichen Schandtaten vorzugehen. Wer nicht einschreitet, ist selbst Mittäter.“

Wer ist korrupter? Berlusconi oder Modschtaba Chamene‘i?
Ajatollah Alam-o l-Hada hat diese Woche beim Freitagsgebet in Maschhad versucht, eine Verbindung zwischen der moralischen Korruption (’schlechte Verschleierung‘) und der wirtschaftlichen Korruption herzustellen: „Sie hängen wechselseitig voneinander ab, beide sind gegenseitige Ursache und Wirkung zugleich. Menschen, die wirtschaftlich korrupt sind, sind letztlich auf Ausschweifungen und die Erzeugung moralischer Verderbtheit aus und erzeugen moralische Korruption. Andere wiederum versuchen, mit moralischer Verderbtheit Geld und Prunk zu erwerben. (…) Moralische und wirtschaftliche Verderbtheit sind voneinander abhängig und der Schlüsselbegriff für beide ist die fehlende Verschleierung.(…)“
Während Staatspräsident Hassan Rouhani sich dagegen aussprach, dass sich der Staat in die Frage der Verschleierung einmischt, kam jetzt von Ajatollah Alam-o l-Hada die Retourkutsche: „Weil Sie nicht in der Lage sind, die wirtschaftliche Lage zu verbessern, fügen sie der sozialen Kultur Schaden zu. Warum vollstreckt der Staat nicht das Gesetz zur Durchsetzung dessen, was religiös vorgeschrieben ist, und zur Unterbindung dessen, was religiös verboten ist (amr be ma‘ruf wa nahy az monker)?“ Und dann kritisiert der Ajatollah, dass ein Vertrag mit einer italienischen Modefirma abgeschlossen wurde: „Da kommt eine italienische Delegation und Sie schließen einen Vertrag mit einer Modefirma, deren Kunst darin besteht, Kleidung zu entwerfen. Soll eine Firma aus dem Gebiet des Unglaubens islamische Kleidung entwerfen?“ Er fragt, ob es nicht genug intelligente Leute im eigenen Land gebe, die islamische Kleidung entwerfen könnten, statt dass man auf eine italienische Firma zugreife. „Muss da ein italienischer Designer einen Vertrag mit uns abschließen und die schmutzige, sündhafte Kultur des Westens bringen und Kleider entwerfen?“
Akbar Ganji meint mit Bezug auf die angebliche Verbindung zwischen wirtschaftlicher Korruption und moralischer Verderbtheit (schlechte Verschleierung): „Wenn schlechte Verschleierung ein Faktor für die Entstehung wirtschaftlicher Korruption wäre, dann müsste im Westen, wo die Frauen alle gar keinen Schleier tragen, das Ausmaß der Korruption am höchsten sein. Aber die wirtschaftliche Korruption in westlichen Gesellschaften ohne Schleier und voller Nacktheit ist ist viel geringer als die wirtschaftliche Korruption in der Islamischen Republik, die den Schleier hat. Die Islamische Republik ist eine der korruptesten Wirtschaften der Welt.“ (Er verweist hier auf die Plünderung von staatlichen Dollar-Milliarden unter Präsident Ahmadineschad).

Quellen:
http://www.radiofarda.com/content/f8-hijab-and-fuqaha/27696012.html
Akbar Ganji, Dars-e na-amuzi-ye faqihan az moqawemat-e zanan (Die Geistlichen haben aus dem Widerstand der Frauen nichts gelernt), 23.04.2016

https://de.wikipedia.org/wiki/Akbar_Gandji
https://en.wikipedia.org/wiki/Akbar_Ganji

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