Iran: Toleranz im Islam – zwei Welten

Wer den Koran liest, findet sowohl Sätze, die religiöse Toleranz und Respekt vor anderen Religionen – zumindest einigen – nahelegen, als auch andere Sätze, die das Gegenteil predigen. Das Ausmaß der Toleranz nahm in dem Maß ab, in dem der Prophet Mohammad an Macht gewannt. Eine bekannte Erscheinung in der Entwicklung diverser Weltanschauungen.
Aus diesem Grund macht es wenig Sinn, sich den Koran um die Ohren zu werfen, um zu beweisen, wessen Interpretation Recht hat. Böse gesagt: Recht hat, wer die Macht hat. Und das sind derzeit in der Islamischen Republik Iran und auch im sogenannten „Islamischen Staat“ in Syrien und Irak diejenigen, die von Toleranz nichts halten.


Fariba Kamal-Abadi, die Frau rechts neben Fayese Haschemi (letztere im Tschador)

Umstrittener Besuch
Das bedeutet aber nicht, dass es dort keine Moslems gäbe, die das Gegenteil für richtig halten. Sie haben eben nur keine Macht. Zu diesen gehört sogar die Tochter des Ajatollahs Rafsandschani, Fayese Haschemi.
Sie besuchte vergangene Woche Fariba Kamal-Abadi, eine langjährige politische Gefangene, die in der Gruppe Yarane Iran (Freunde des Irans) aktiv war. Yarane Iran ist Teil der Baha’i-Bewegung, einer relativ jungen Religion, die im 19. Jahrhundert im Iran entstanden ist. Fariba Kamal-Abadi hatte jetzt nach 8 Jahren Gefängnis einen Hafturlaub von 5 Tagen erhalten, in dessen Rahmen sie sich sowohl mit Fayese Haschemi als auch mit der iranischen Rechtsanwältin und Menschenrechtsaktivistin Nasrin Sotude traf.
Von diesem Treffen zwischen Fayese Haschemi und Fariba Kamal-Abadi gab es auch ein Foto, das sich rasch im Internet verbreitete. Für die iranischen Fundamentalisten, also den bewaffneten Komplex von Pasdaran, Bassidschis und „spontanen Elementen“ sowie den verbündeten Geistlichen um den Religiösen Führer Ajatollah Chamene’i, war dies ein gefundenes Fressen.


Fatwa gegen die Baha‘is von Ajatollah Chamene‘i, Juli 2009 – der handschriftliche Satz unter dem Brief

Fatwa des Ajatollahs behandelt Baha’is wie Aussätzige
Rasch holten sie eine Fatwa (Verbindliche religiöse Rechtsauskunft) des Religiösen Führers Ajatollah Chamene’i vom 20. Mordad 1388 (Juli 2009) bezüglich der Religionsgemeinschaft der Baha’i aus der Schublade. Damals hatte er geschrieben: „Man soll sich jeglichen Kontakts mit dieser hochgradig schädlichen Sekte enthalten.“
(az har gune mo°asherat ba in ferqeye zalle parhiz shawad)

Die Hetze geht los
Darauf wurde Fayese Haschemi beschuldigt, gegen die islamischen Grundsätze verstoßen zu haben, indem sie sich mit Fariba Kamal-Abadi traf. Ihr Vater, Ajatollah Haschemi Rafsandschani, ein windiger Politprofi, trat gleich auf Distanz und erklärte, sie habe etwas Schlechtes getan und müsse den Schaden wieder gutmachen. (Kare badi karde, bayad inra jobran konad)

Die ungehorsame Tochter
Fayese Haschemi gab darauf in einem Interview Contra. Sie habe überhaupt nichts Schlechtes getan. Und zudem sei sie mit Fariba Kamal-Abadi in einer Zelle gesessen. Fariba habe sie in der Haftzeit sehr unterstützt. Und als Mensch zu Mensch habe sie das Recht, sich für die Unterstützung in dieser schweren Zeit dankbar zu zeigen. Außerdem verwies sie auf ein Beispiel aus dem Leben von Imam Ali – eine zentrale Figur im Schiitentum, der dem islamischen Militär-Befehlshaber Malek Aschtar erklärt habe, er müsse Menschen anderer Überzeugung respektvoll behandeln. Fayese Haschemi fügte hinzu, dass sie eine Anhängerin der Menschenrechte sei und dass den Baha’is Unrecht angetan wurde.

Fayese for President?
Es versteht sich, dass Fayese Haschemi mit ihrem entschiedenen Eintreten für Toleranz unter der Bevölkerung an Beliebtheit gewinnt. Nicht ohne Grund hatte der Wächterrat ihre Teilnahme an den diesjährigen Parlamentswahlen abgelehnt, aus Angst, dass sie zu viele Stimmen bekommt. Aber in einem Land, in dem so vieles hinter verschlossenen Türen verläuft, ist die Neigung groß, solche Ereignisse als politische Intrige wahrzunehmen. Dadurch, dass auch nach Aufhebung der Sanktionen die meisten Banken weltweit zurückhaltend sind – die Struktur des Systems hat sich ja nicht geändert, geht es auch mit der Wirtschaft noch nicht aufwärts. Die Machthaber rechnen schon seit einiger Zeit mit erneuten Massendemonstrationen wie im Jahr 2009. Nun, sollen die Massen kommen und Karubi und Mirhossein Mussawi aus dem Hausarrest befreien, Fayese Haschemi auf den Schultern tragen und zur Präsidentin machen. Zumindest bleibt die Macht in der Familie, und keine der genannten Personen wird die Islamische Republik abschaffen. Das ist das kleinere Übel aus der Sicht der Machthaber, die nichts mehr fürchten als eine Revolution, die das ganze islamische Regime wegfegt.

Quellen:
http://news.gooya.com/politics/archives/2016/05/212271.php
rewayate fayeze hashemi wa nasrin sotude az didar ba zendaniye baha‘i
vom 24. Ordibehescht 1395 / 13. Mai 2016
http://www.radiofarda.com/content/f14_iran_bahai_society_faezeh_hashemi/27734243.html
Hamle be xanewadeye rafsanjani dar peye didare fayeze hashemi ba rahbare baha‘i
vom 25. Ordibehescht 1395 / 14. Mai 2016
https://fa.wikipedia.org/wiki/%DB%8C%D8%A7%D8%B1%D8%A7%D9%86_%D8%A7%DB%8C%D8%B1%D8%A7%D9%86
yarane iran, abgerufen am 16. Mai 2016
https://de.wikipedia.org/wiki/Bahaitum
abgerufen am 16. Mai 2016

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