Iran: Der Zorn der neuen Generation

Leserbrief zur Musik von Shahin Najafi, einem Rapper aus dem Iran, der in Deutschland im Exil lebt. Augrund seiner Texte muss er hier unter polizeilichen Personenschutz leben, weil gegen ihn ein Todesfatwa ausgesprochen wurde.


Youtube – Seite von Shahin Najafi

Ein Leserbrief
Die Webseite www.pyknet.net ist die Nachrichtenseite der iranischen Tudeh-Partei, zu Sowjetzeiten also der moskautreuen Kommunisten. Sie druckte am 10. August 2016 einen leicht überarbeiteten Leserbrief einer Iranerin namens Elham Motlaqi an ihren Chefredakteur ab. Der Chefredakteur hatte wohl in einer Antwort auf eine Leserfrage zu Shahin Najafi (Schahin Nadschafi) geschrieben, dass er diesen Mann nicht kenne und generell von der heutigen iranischen Musik und den heutigen Lieder nicht viel halte.

Die Generation zwischen 17 und etwas über 30
Die Leserin schrieb darauf an ihn, dass Sie zu der Generation gehöre, die jetzt zwischen 17 und etwas über 30 Jahre alt sei, die also weder die Zeit vor der Revolution noch die Revolution von 1979 miterlebt habe und einzig und allein in diesem Staat aufgewachsen sei. Auf Schahin Nadschafi, der unter anderem Rapp-Lieder schreibt und singt, sei sie per Zufall im Internet gestoßen. Seine Texte hätten sie sofort angesprochen, er spreche das an, was die junge Generation heute bewege. Seine Themen seien die sozialen Erscheinungen des iranischen Alltags: Drogensucht, Kinderarbeit, Wühlen im Müll, Prostitution…

Aufklärung mit Ohrfeigen
Sie berichtet auch von ihren eigenen Erfahrungen, als sie mit 24 eigene Gedichte ans Ministerium für religiöse Aufklärung geschickt hatte, um eine Erlaubnis zur Veröffentlichung zu erhalten. Sie sei dann zum Ministerium gerufen worden. Der Beamte habe zu ihr gesagt, sie solle die Tür zumachen, und ihr dann eine Ohrfeige geknallt und sie mit dem Wort Fahesche (Hure) beschimpft. Warum? Weil sie in ihren Gedichten das Wort zananegi (Bezeichnung für das weibliche Geschlechtsorgan) verwendet hatte und die Brüste mit einer Handgranate verglichen hatte.
Später sei sie ein zweites Mal von ihrem Mann geohrfeigt worden, weil sie vor seinen Augen die Schnapsflasche ins Klo ausgeleert hatte und ihn als Mensch mit zwei Gesichtern bezeichnet hatte, weil er am Arbeitsplatz so den Frommen rauskehrt.

Vulgär sind die Ajatollahs
Wenn dem Chefredakteur die Melodien und die Reimkunst der neuen Sänger und Sängerinnen auch nicht gefalle, so seien es doch gerade sie, die die Themen der jungen Generation anspreche, so Sängerinnen und Sänger wie Yaghma Golru‘i, Mahdi Mussawi, Fateme Extessari, die zum Teil fliehen mussten.
Ihre Lieder und Auftritt sprechen auch von der Gewalt und Vergewaltigung von Gefangenen im Gefängnis.
Wer die vulgäre Wortwahl der jungen Generation kritisiere, dürfe nicht vergessen, in was für einem Staat sie lebten: Ein Ajatollah in Qom bezeichnete Männer, die nicht auf die Verschleierung der Frauen achten, als dayuth, als Kuppler und Zuhälter, der die eigene Frau verkauft, und das kommt dann in den staatlichen Medien an vorderster Stelle. Geht es vulgärer?
Angehörige der Bassidschi-Milizen beleidigen die Tochter von Ajatollah Haschemi Rafsandschani als Hure (dschende laschi) und verbreiten dies sogar über einen youtube-Film. Das ist die „Höflichkeit“ der Machthaber.

Chawaran – der Islamische Staat der Ajatollahs
Die Leserin Elham Motlaqi schreibt auch von einem anderen Text von Schahin Nadschafi, der als Antwort auf die Worte eines angeblich fortschrittlichen Reformisten: „Was geschehen ist, ist geschehen, ihr braucht Chawaran nicht immer zu wiederholen“ sang: „Chawaran-ra faramusch nakonid“ – Vergesst Chawaran nicht. Chawaran ist ein Friedhof vor Teheran, auf dem das Regime die Toten des Gefängnismassakers, das auf Anordnung von Ajatollah Chomeini zum Ende des iranisch-irakischen Krieges in den iranischen Gefängnissen verübt wurde, mit Bulldozern beerdigt hatte.
Ein Kapitel, das das Regime gern verheimlicht, so dass gerade das Lied von Schahin Nadschafi die junge Generation darauf stößt.
Schahin Nadschafi lebt übrigens in Deutschland im Exil, sein Lied „Naghi“ hatte eine Mordfatwa im Iran zur Folge, so dass er ähnlich gefährdet ist wie Salman Rushdie (Autor der „Satanischen Verse“), nur dass er nicht berühmt ist.

http://www.pyknet.net/1395/08mordad/20/page/enghelab.php
vom 20. Mordad 1395 (10. August 2016)
anche dar jame°e mi god_arad enqelab-ra az cheshme mardom andaxte
elham motlaqi

https://de.wikipedia.org/wiki/Shahin_Najafi
vom 12.08.2016

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