Usbekistan: Abschied von einem Diktator


Islam Karimow (Islom Karim)

Vor einer Woche, am 2. September 2016, ist der usbekische Präsident Islam Karimow gestorben. Vorausgegangen waren eine Todesmeldung und ihr umgehendes Dementi, und wenn der finnische Neurochirurg, Juha Hernesniemi, der ihn untersucht hat, die Wahrheit sagt, war er sogar schon ein paar Tage früher tot.

Obwohl die Ärzte seinen Gehirntod festgestellt hatten, hielten sie ihn weiter mit Maschinen am „Leben“, bis auch das Herz durch einen Infarkt seinen Dienst versagte.

Eine Reanimation half auch nicht mehr. Islam Karimows Angehörigen blieb somit ein wochen- oder monatelanges Warten erspart.

Eine Diskussion über würdevolles Sterben findet in Usbekistan natürlich nicht statt, wer sollte nach einer jahrzehntelangen Diktatur auch noch diskutieren wollen.

Islamisches Begräbnis für einen Atheisten
Die Webseite fergananews veröffentlichte schon am 1. September Fotos von den Arbeiten auf dem Hasrati-Hisr-Friedhof in Samarkand.

Hier wird das Grab für Islam Karimow gebaut.

Da ist es mit ein paar Schaufeln Erde nicht abgetan.

Im Gegensatz zur muslimischen Geistlichkeit in der Türkei, die den gestorbenen Putschisten die letzten Dienste offiziell verweigert, muss Islam Karimow in Usbekistan nicht mit so einer Reaktion rechnen. So hat er die offiziellen Vertreter des Islams entsprechend ausgesiebt. Die Tatsache, dass er Tausende von gläubigen Muslimen inhaftieren und viele von ihnen foltern ließ und selbst den Zugang zum Koran im Gefängnis verwehrte, spielt keine Rolle. Die Tatsache, dass er früher der Erste Sekretär der Kommunistischen Partei der Sozialistischen Sowjetrepublik Usbekistans war, spielt auch keine Rolle. Ob und was er geglaubt hat, spielt keine Rolle, Hauptsache, der Schein bleibt gewahrt.


Das Volk nimmt Abschied

Am frühen Morgen des 3. Septembers sammelten sich Hunderttausende Taschkenter,

Männer und Frauen, an den Straßenrändern der Hauptstadt,

entlang der Strecke, auf der die Leiche des Präsidenten zum Flughafen gebracht werden sollte, um nach Samarkand zu gelangen.

Sie kamen schon vor fünf Uhr, in der Befürchtung, dass die Zugänge zu den Straßen später gesperrt würden.



Die Bevölkerung der Hauptstadt hat schließlich ihre Erfahrung mit Fahrzeugkonvois des Präsidenten…

Wer darf den Sarg zuerst tragen

Symbolisch wichtig ist die Frage, wer als erster den Sarg tragen darf. Nur, wer sich in der Frage der Nachfolge gut positioniert hat, kommt dafür in Frage. Einer von ihnen ist Schawkat Mirsijajew. Er ist der Träger im Vordergrund. Egal, wer das Rennen macht, es wird kaum mehr Veränderung geben als im benachbarten Turkmenistan, als Präsisdent Saparmurad Nijasow starb.

Das Schlusslicht der Sargträger bilden die Militärs. Die hatte der Diktator stets fest im Griff, Putsche wie in der Türkei waren hier nie das Thema.

Still wie ein Stein
Ein demokratisches Erwachen ist nicht zu erwarten. Zu Beginn der 1990-er waren noch die Bewegungen Erk und Birlik aktiv. Ihre Anhänger wurden verhaftet, ermordet oder gingen ins Exil, wie die Parteiführer. Muhammad Salih, der Parteiführer von Erk (Freiheit), war bei den ersten Präsidentschaftswahlen nach der Unabhängigkeit von 1991 gegen Islam Karimow angetreten, später ließ ihn das Regime weltweit per Interpol suchen. Sowohl die Regierungsmedien wie die Oppositionspartei Birlik betrieben eine Schmierkampagne. Birlik (Einheit), deren Führer Abdurahim Pulat, ebenfalls im Exil lebt, ist schon längst zerfallen. Sie hatte ursprünglich eine beachtliche Anhängerzahl. Aber hier schlug nicht nur die Repression zu, sondern auch die Rechthaberei des Führers, der alle anderen Konkurrenten im demokratischen Lager als Verräter beschimpft und im übrigen immer schon alles vorhergesagt haben will, wenn ein Ereignis eingetreten ist.

Was sagt Abdurahim Pulat?
Die usbekische Webseite harakat.net, das Sprachrohr von Abdurahim Pulat, schreibt zu Karimows Tod:
„Die Gefährten von Islom Karim haben ihm einen Tritt gegeben und ins Grab geworfen, was kommt nun? Was soll schon kommen? Es kommt so, wie Birlik und Harakat schon gesagt haben!
Bevor Islom Karim, der in Usbekistan in den letzten Jahren schon fast zum zweiten Gott gemacht wurde, auch nur gestorben war, bekam er einen Tritt von seinen Gefährten und wurde weggeworfen. Kaum hatte der Ministerrat die erste Meldung über seine Erkrankung veröffentlicht, wurde bekannt, dass die Amtsgeschäfte entgegen der herrschenden Gesetze an den Vorsitzenden eben dieses Ministerrats übergegangen sind. (…)“

Nationalistisches Geschmäckle
Die Webseite fährt fort:
„Die Usbeken sind jetzt Islom Karim los, der ihnen von der Lubjanka (gemeint: dem russischen Geheimdienst sprich Putin) aufgebürdet wurde, der zwar ein mongoloides Äußeres (positiv gemeint!) hat, aber eine tadschikische Mentalität besaß, der Usbekistan als Staat vernichtet hat, praktisch nichts getan hat als Hunderte von Usbeken von kirgisischen Faschisten umgebracht wurden (Abdurahim Pulat hatte damals einen militärischen Einmarsch gefordert), und der die Usbeken zu Millionen in eine Lage gebracht hat, dass sie im Ausland wie Sklaven arbeiten müssen, um für ihre Familien zu sorgen. Nun, was folgt jetzt?
Erstens muss man Usbekistan als Staat wiederherstellen und die Usbeken wieder zu einer Nation machen. Aber das ist nicht leicht. Selbst wenn Islom Karims Gefährten dies tun wollten, brächten sie das nicht zustande. Denn unter ihnen gibt es keinen, der etwas von globalen Angelegenheiten versteht (übrigens ganz im Gegensatz zu Abdurahim Pulat).“

Putin besucht das Grab seines Sowjetkollegen Karimow in Samarkand

„Usbekistan benötigt grundlegende Veränderung. Wie der Birlik-Führer Abdurahim Pulat schon oft gesagt hat, kann man die Zweige und Äste eines Baums nicht durch Pfropfen ändern und so in einen anderen Baum verwandeln, vielmehr muss man seine Wurzeln ändern.“
Die Kostprobe mag genügen.

Und die Islamisten?
2005 hatte Islam Karimow noch einen angeblichen islamischen Aufstand in Andischan gewaltsam niedergeschlagen, bei dem auch viele Zivilisten umgebracht wurden oder danach in den Gefängnissen verschwanden. Eine Aufklärung dieser Ereignisse steht noch in der Zukunft, das Regime hatte damals alles getan, um Zeugen seines Vorgehens zu beseitigen. Damals herrschte in Deutschland eine Koalition aus Rot-Grün, die Bundeswehr benutzte Termes nahe der afghanischen Grenze für die Einsätze in Afghanistan, entsprechend lau verlief die amtliche Reaktion der deutschen Institutionen. Die Islamische Bewegung Usbekistans, die in Usbekistan und Tadschikistan von sich reden machte, dürfte inzwischen irgendwo im Sumpf der Kämpfe zwischen Afghanistan und Pakistan feststecken. Die nach eigener Darstellung vor allem durch Propaganda und Missionierung aktive Hisb ut-Tahrir (Partei der Befreiung) fristet ihr Dasein im Gefängnis, und um die Nachfolge des Präsidenten über die veröffentlichte Meinung in Russland zu steuern, wird jetzt in der russischen Presse auch der „Islamische Staat“ (IS, russisches Kürzel IGIL) ins Spiel gebracht, so in der Komsomolskaya Pravda vom 09.09.2016, die einen Artikel mit dem Titel: „Wohin steuert Usbekistan: Nach Russland, China oder zum Islamischen Staat?“ veröffentlicht hat.

Quellen:
http://www.kp.ru/daily/26580.7/3594977/
Галина САПОЖНИКОВА
Куда пойдет Узбекистан: в Россию, Китай или ИГИЛ*?
09.09.2016 11:00

http://www.topnews.ru/news_id_93393.html
Финский хирург рассказал, как умер президент Узбекистана Ислам Каримов
Опубликовано 06.09.16 08:46

http://www.harakat.net/news/?id=19605
03 September 2016 19:27

http://www.centrasia.ru/newsA.php?st=1472807820
Выходец из таджикского кишлака Яхтан? На малой родине узб-премьера Шавката Мирзиеева
12:17 02.09.2016

http://www.fergananews.com/articles/9078
Узбекистан: Похороны Ислама Каримова пройдут в Самарканде третьего сентября (фото)
01.09.2016 22:15 msk, Фергана

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email