Türkei: Auslöschen der Erinnerung

Die türkische Internet-Zeitung radikal, die in den Besitz der Dogan-Medien-Gruppe übergegangen war, hatte am 6. April 2016 ihr Erscheinen eingestellt. Angeblich, weil sie nicht rentabel war. Heute, den 9.11.2016, wurde nun auch das Internet-Archiv der Zeitung, das einen Zeitraum von 20 Jahren umfasste und viele wichtige Hintergrundartikel umfasste, gelöscht. Dies entgegen der Zusagen, die die Verantwortlichen des Medien-Unternehmens bei der Schließung der Zeitung gegeben hatten.
Türkischen Leserinnen und Lesern wird damit der Zugriff auf eine kritische Sicht der türkischen Geschichte massiv erschwert, denn viele andere Zeitungen (Milliyet, Hürriyet und ähnliche) sind ohnehin nur Sprachrohr der Machthaber oder üben Selbstzensur.
Es ist anzunehmen, dass dies ein weiterer Akt der Unterwerfung der Dogan-Gruppe unter die Wünsche von Erdogan ist.


Titelseite von Milliyet am 9. November 2016

Zeitung Milliyet hetzt gegen Journalisten
Es passt in die Atmosphäre, dass die Zeitung Milliyet, die von Erdoğan Demirören gekauft wurde, einem Anhänger von Präsident Tayip Erdoğan, am 9. November 2016 auf der Titelseite mit einem Artikel gegen Can Dündar erschien, der bis zum 1. August 2013 selbst 12 Jahre lang für diese Zeitung geschrieben hatte. Es war Can Dündar, der die Affäre aufgedeckt hatte, dass der türkische Geheimdienst MIT den IS in Syrien mit Waffenlieferungen unterstützte. Can Dündar wurde auf persönliche Intervention von Tayip Erdoğan bei Erdoğan Demirören, dem neuen Besitzer der Zeitung Milliyet, auf die Straße gesetzt. Sein Artikel über die Tätigkeiten des türkischen Geheimdienstes führten auf Betreiben von Tayip Erdoğan zu seiner Verhaftung und Verurteilung. Da Can Dündar nach dem Putsch vom 15. Juli 2016 ins Exil ging und jetzt in Paris die Ehrenbürgerschaft erhielt, nutzt der türkische Präsident offensichtlich seine Verbindungen, Can Dündar über die auch in Europa gelesene Milliyet als Terroristen zu verunglimpfen. So lautet die Überschrift von Milliyet: „Paris hat das flüchtige FETÖ-Mitglied in die Arme geschlossen.“ FETÖ ist der Propaganda-Begriff der türkischen Regierung für die Anhänger der Bewegung von Fethullah Gülen, die Präsident Erdogan für den Putschversuch vom 15. Juli 2016 verantwortlich macht. Das ist genauso absurd wie die Vorwürfe gegen die jüngst verhafteten Mitglieder der Cumhuriyet-Redaktion, sie hätten die FETÖ und die PKK unterstützt. Cumhuriyet hat stets eine laizistische Richtung im Sinne Atatürks vertreten und war im Gegensatz zu Präsident Erdogan nie als Verbündeter von Fethullah Gülen aufgetreten.

Quellen:
https://www.evrensel.net/haber/295339/radikalin-dijital-arsivi-silindi
Radikal‘in dijital arşivi silindi
09 Kasım 2016 23:38

http://www.diken.com.tr/milliyet-eski-yazari-dundari-firari-fetocu-ilan-etti/
Milliyet, eski yazarı Dündar’ı ‘firari FETÖ’cü’ ilan etti
09/11/2016 14:19

http://alischirasi.blogsport.de/2016/05/06/tuerkei-erdogan-mit-vollgas-in-die-diktatur/

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