Türkei: Die Verwandlung


Sultan Mehmet II der Eroberer (Fatih)

Ein junger, schlanker, gepflegt aussehender Mann (22 Jahre) in schwarzem Anzug und Krawatte, mit abgeschlossener Ausbildung als Polizist und seit zweieinhalb Jahren bei einer Spezialeinheit der Polizei in der Hauptstadt angestellt, das wäre sicher der Traumschwiegersohn nicht nur vieler türkischer, sondern auch eines beachtlichen Teils der deutschen Familien. Er betritt eine Gemäldegalerie, auf der ein ehrwürdiger, kultivierter Herr, der sogar des Koreanischen mächtig ist, gerade eine Fotoausstellung mit passenden Worten eröffnet. Der Herr ist nicht irgendwer, und die Anwesenden gehen davon aus, dass der junge Mann entsandt wurde, die Sicherheit des distingierten Herren zu gewährleisten. Er steht dezent im Hintergrund.

Und auf einmal zieht er die Waffe, gibt Schüsse ab, spricht in einer Fremdsprache, die er nur in Floskeln beherrscht, und wechselt dann wieder in seine Muttersprache. Den älteren Herrn erschießt er gnadenlos mit Schüssen in den Rücken. Lebten wir im Mittelalter, wäre die Erklärung einfach: Der Teufel ist in den Mann gefahren. Aber wir schreiben das Jahr 2016.


der Mann im schwarzen Anzug

Lebenslauf
Wie kommt es zu einer so lautlosen Verwandlung? Immerhin hat der junge Mann moralische Argumente vorgebracht, wieso er den 62-jährigen Herrn, den Botschafter Russlands in Ankara, ermordet hat, nämlich das Leiden der Menschen in Aleppo, das derzeit mit vereinten Kräften der russischen, iranischen und syrischen Regierungstruppen zurückerobert wird. Einen unbewaffneten Menschen hinterrücks zu erschießen, der zudem noch den besonderen Schutz des Staates genießt, für den man arbeitet, gilt weltweit nicht eben als Heldentat. Noch viel weniger, wenn man dabei einen Gast erschießt. Mit traditioneller türkischer Kultur hat das nichts zu tun. Was ist geschehen? Mert Altintas, ist 1994 in Söke (Provinz Aydın) auf die Welt gekommen, einer Region, die traditionell zu den schrumpfenden Hochburgen der „sozialdemokratischen“ CHP gehört. In Söke (Aydin) erzielte die CHP bei den letzten Parlamentswahlen vom 1.11.2015 41,5% der Stimmen, mit Abstand folgten mit 26,5% AKP, 18,8% MHP und 11,2% HDP. Auffällig ist das etwas über Landesdurchschnitt liegende Ergebnis für die nationalistische MHP, die Gegend kann man aber gewiss nicht als Hochburg der Islamisten bezeichnen. Mert Altintas hat in seiner Heimatstadt einen Abschluss am Cumhuriyet Anadolu Lisesi gemacht und sich damit zu einem Studium an der Polizeihochschule qualifiziert. Die vom OB von Ankara eilfertig verbreitete Behauptung, die FETÖ von Abdullah Gülen stecke hinter dem Anschlag, kann mit diesen Angaben jedenfalls nicht verfestigt werden. So wurde behauptet, dass Mert Altintas sich für die Prüfung an der Körfez Dershane vorbereitet habe, die der FETÖ zugerechnet wird. Die Mutter des Attentäters verneinte dies. Auch weitere Vorwürfe sind bislang recht windig. So soll ein Onkel von Mert Direktor einer Schule in Kuschadasi gewesen sein, die nach dem Putsch vom Juli 2016 geschlossen wurde. Der Onkel wurde festgenommen und dann unter Aufsicht freigelassen. Dieser Onkel soll Mert ermutigt haben, zur Polizei zu gehen. In der Wohnung des Attentäters soll zudem Literatur über Al-Kaida und die Gülen-Bewegung gefunden worden sein, was bei einem Mitarbeiter der Polizeiorgane eigentlich nicht erstaunen sollte. Man sollte seine Feinde kennen.

Wie man sieht, fehlt es an handfesten Belegen, die sind beim heutigen Stand der Justiz in der Türkei auch nicht erforderlich. Aber dass eine gewaltige Veränderung im Sicherheitsapparat des Staates stattgefunden hat, schildert der türkische Journalist Fatih Yaşlı sehr anschaulich in einem heute in Birgün veröffentlichten Artikel.


Das Schwert, mit dem Sultan Mehmet II Konstantinopel erobert hat

Der Eroberer-Marsch (Fetih Marşı)
Nur 24 Stunden vor der Ermordung des russischen Botschafters berichtete die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu Ajansı, dass die frisch ausgebildeten Beamten der Polizei-Sondereinsatztruppe Özel Harekat, die auch den Attentäter erschoss, zu ihrem Dienstantritt zuerst den Fetih Marşı gesungen und dann mit der Hand auf dem Koran den Amtseid abgelegt hätten.
Der Eroberer-Marsch wurde, hieran erinnert sich der Journalist noch, in den 1990er Jahren auf sämtlichen Parteiveranstaltungen der Refah Partisi und ihrer Nachfolgeparteien gesungen. Darin kommt der Refrain „Du bist im Alter, in dem Fatih Istanbul erobert hat“ vor. Fatih heißt Eroberer und ist ein Beiname von Sultan Mehmed II, der 1453 Istanbul (Konstantinopel) im Alter von 21(!) eroberte und damit dem Byzantinischen Reich ein Ende setzte. Ja, genau in dem Alter war Mevlüt Mert Altintas, der Mörder des russischen Botschafters, so dass der Journalist für seinen Artikel die Überschrift gewählt hat: „Du bist in dem Alter, in dem Mevlüt den russischen Botschafter ermordet hat.“ Auch die in Deutschland unrühmlich bekannte Bewegung Milli Görüş zählte den Eroberer-Marsch zu ihrem Arsenal. Jetzt also ist dieses Lied zum amtlichen Marsch der Polizei-Sondereinheiten geworden! Vor 20 Jahren, als Mevlüt Mert auf die Welt kam, waren diese Sondereinheiten fast zu 100% in der Hand der faschistischen MHP, die allerdings ganz andere Liedtraditionen hatte.

Das Problem ist der politische Islam
Die Zeiten haben sich gewandelt, schreibt Fatih Yaşlı. Inzwischen ist es zu einer Synthese des Islamismus mit dem Nationalismus gekommen, und keiner stellt mehr die Frage, wieso jetzt dieser Marsch zum Polizeimarsch wurde und in welchem Artikel der Verfassung oder in welchem Gesetz der Eid auf den Koran vorgesehen ist.
Der Autor weist auch auf das doppelzüngige Spiel der Regierungspartei hin. So hat die von der AKP gelenkte Presse in den Tagen vor dem Attentat eifrig auf Russland und den Iran als Verantwortliche für den Rauswurf von der Türkei gesponsorter Islamistengruppen in Aleppo gezeigt und die Stimmung angeheizt. Auf den folgenden Demos vor den Botschaften des Irans und Russlands in der Türkei wurden Plakate mit der Aufschrift „Mörder-Russland“ gezeigt, eine Gruppe kündigte an, demnächst mit der Fahne des Kalifats aufzukreuzen und zum Dschihad aufzurufen. Gleichzeitig handelt aber die türkische Regierung genau mit Russland, Iran und Syrien den Abzug dieser Einheiten aus Aleppo aus, ist also selbst Mitspieler. Das ist der Hintergrund, vor dem jetzt ein Polizist einer Spezialeinheit dem russischen Botschafter zuruft: „Wir haben nicht wie Sie Zivilisten in Syrien getötet“, „Vergesst Aleppo nicht“, „Vergesst Syrien nicht“. Und der arabische Vers, den Mevlüt Mert zitierte, ist besonders unter den an-Nusra-Anhängern verbreitet, die bislang von der Türkei in Syrien mit Waffen unterstützt wurden und ein Ableger von Al-Kaida sind.
Zu Recht bemerkt Fatih Yaşlı, dass es letztlich egal sei, ob der Täter von der Gülen-Bewegung, von an-Nusra oder einer anderen islamistischen Bewegung inspiriert gewesen sei. Das eigentliche Problem sei der politische Islam, der darauf abziele, die Türkei in einen religiösen Staat umzuwandeln.

http://www.birgun.net/haber-detay/mevlut-un-rus-elcisini-katlettigi-yastasin-140170.html
Mevlüt’ün Rus elçisini katlettiği yaştasın!
Fatih Yaşlı Fatih Yaşlı 20.12.2016 08:52
http://secim.haberler.com/2015/soke-secim-sonuclari/
http://www.hurriyet.com.tr/suikastcinin-annesi-duyunca-soka-girmis-40312554?_sgm_source=40312554&_sgm_campaign=scn_a0046116293a0000&_sgm_action=click
Suikastçının annesi duyunca şoka girmiş
AA 20 Aralık 2016 – 16:46Son Güncelleme : 20 Aralık 2016 – 18:09

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