Türkei: Das Geheimnis von Konya

Konya ist flächenmäßig die größte Provinz der Türkei. Die im Inneren Anatoliens gelegene Stadt samt den zugehörigen Kreisen hat schon seit einiger Zeit den Rang einer Großstadt, sie umfasst 31 Kreise (ilçe) und rund 1,5 Millionen Wahlberechtigte. Konya ist der Ort, in dem der Dichter und Mystiker Moulana Rumi (Mevlana Rumi) im 13. Jahrhundert gelebt und gewirkt hat, es ist zusammen mit Sanliurfa eines der wichtigen religiösen Zentren der Sunniten in der Türkei. Konya ist ein Zentrum der türkischen Rüstungsindustrie und gilt auch als Motor des islamischen Unternehmertums in der heutigen Türkei. Es ist der Wahlkreis, in dem der in Konya gebürtige Ahmet Davutoglu ins Parlament gewählt wurde. Ahmet Davutoglu war Vorsitzender der Regierungspartei AKP und Ministerpräsident der Türkei.


73% Ja-Stimmen
Schaut man sich die Abstimmungsergebnisse des Referendums zur Einführung des Präsidialsystems in Konya an, so stößt man zuerst überall auf den hohen Anteil von Ja-Stimmen mit 73% (im Landesdurchschnitt waren es 51%). Der Landrat von Selçuklu, des bevölkerungsreichsten Kreises von Konya, betonte, dass Konya unter den Großstädten mit die besten Ja-Ergebnisse vorzuweisen hat. Das ist für ihn wichtig, denn in den meisten Großstädten der Türkei hat das Nein gesiegt, und bald werden dort die Oberbürgermeister von der AKP abgesetzt bzw. erklären ihren Rücktritt.
Man sollte aber nicht Äpfel mit Eiern vergleichen, und Konya vergleicht man am besten mit Konya. Die letzten Wahlen waren am 1. November 2015, so dass es sich anbietet, die Wahlergebnisse von damals mit denen vom 16. April 2017 zu vergleichen. Das ist nicht ganz einfach, denn diesmal gab es nur die Möglichkeit, Ja oder Nein zu stimmen, damals konnte man Parteien wählen.

Wahlparolen der Parteien
Allerdings gibt es von einigen Parteien klare Positionen:
Die AKP ist natürlich für ein Ja,
Die MHP-Führung hat sich für ein Ja entschieden, es heißt aber, dass 1/3 der Wähler da nicht mitzieht, die CHP („Sozialdemokraten“) und HDP (Kurdenpartei) sind für ein Nein. Die Kurdenpartei HAK-PAR dürfte auf der Nein-Seite zu suchen sein, ebenfalls die kommunistische HKP, während man die religiöse Saadet und die religiös-nationalistische BBP auf der Ja-Seite ansiedeln kann. Mit diesem Wissen kann man nun die Stimmen von 2015 zusammenzählen und mit den heutigen Ja-Nein-Resultaten vergleichen.

Woher so viele Nein-Stimmen?
Man sieht erstens, dass die Ja-Stimmen um 8000 geringer sind als die Stimmenzahl der AKP vor anderthalb Jahren. Das ließe sich verkraften. Aber was ist mit den 21600 Neuwählern im Vergleich zu 2015? Da müsste doch auch was für die AKP abgefallen sein.
Fassen wir die „schwarzen“ Parteien (AKP, MHP, Saadet, BBP) zusammen, dann hätte es 171.000 Ja-Stimmen mehr geben müssen. Umgekehrt, fassen wir alle „roten“ Parteien (CHP, HDP, HAK-PAR und HKP) zusammen, so hat das Nein 192.000 Stimmen mehr erhalten als diese bei den letzten Wahlen verbuchten (Szenario 1).
Gehen wir nun zu realistischeren Szenarien über: 1/3 der MHP-Wähler von damals stimmt mit Nein, 2/3 mit Ja, die Neuwähler werden zu je 50% auf Ja und Nein verteilt (Landesdurchschnitt). Dann hat das Ja 134.000 Stimmen weniger erhalten, als es rechnerisch bekommen müsste (Szenario 5).
Verteilen wir die Neuwähler nach dem Durchschnitt von Konya, dann werden 73% der Neuwähler den Ja-Stimmen und 27% den Nein-Stimmen zugerechnet, MHP wie gehabt. Fazit: Das Ja hat 139.000 Stimmen zu wenig erhalten. Auf der Gegenseite hat das Nein im gleichen Ausmaß zu viel erhalten. Dafür gibt es eine Erklärung. Diese Wähler sind von der AKP ins Gegenlager abgewandert.

Jeder siebte AKP-Wähler in Konya hat mit Nein gestimmt!
134.00 von 937.000 (2015) macht 14%, also jeder siebte Wähler. Das ist eine harte Ohrfeige des Wählers für Erdogan. Die Frage ist nur noch: Wofür wurde diese Ohrfeige erteilt? In den gesäuberten Medien erfährt man nichts, ja, dort wird nicht einmal diese Rechnung aufgestellt. Man darf vermuten, dass die Säuberungswelle nach dem gescheiterten Putsch vom 15. Juli 2016 gegen die angeblich für den Putsch verantwortlichen Anhänger von Fethullah Gülen und die kalten Enteignungen von Unternehmen, die der Gülen-Bewegung nahestehen, gerade in Konya viele religiöse Wähler getroffen und erschreckt hat. Man darf gespannt sein, wie sich das bei den nächsten Parlamentswahlen auswirkt, zumal innerhalb der AKP jetzt schon die nächste Säuberungswelle ansteht.

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