Gefängnis im Iran: Das Labor der Zukunft


Der politische Gefangene Bahman Ahmadi Amu’i hat jetzt einen tiefblickenden Bericht über seine Gefängniserlebnisse aus dem Jahr 2010 veröffentlicht. Der Bericht hat diesmal nicht Folter und Misshandlungen zum Thema, sondern er beleuchtet die Denkweise und Herkunft einer neuen Bewegung, die nun auch im Iran Fuß fasst und auf die Entwicklung im Nahen Osten gewaltigen Einfluss nimmt. Von ihrer Tätigkeit ist auch Europa betroffen. Bahman Ahmadi Amu’i nennt diese Menschen „iranische Al-Kaida-Mitglieder“. Das darf man nicht zu wörtlich nehmen – Taliban, Al-Kaida oder Islamischer Staat haben in ihrer Gedankenwelt vieles gemeinsam, und es ist eindrucksvoll zu sehen, wie diese nächste Generation von Unzufriedenen mit ihren Mitgefangenen umgeht und zum iranischen Staat steht. Man weiß nie – morgen stehen diese Menschen vielleicht auf den Trümmern eines zerbrochenen Staats namens Iran.

Iranische Al-Kaida
Bahman beschreibt die Situation im Trakt 350 des Ewin-Gefängnisses von Teheran im Juli/August (Jahr 2010). Es ist eine größere Zahl von islamistischen Gefangenen im Gefängnis eingetroffen, und die Gefängnisleitung versucht alles erstes, ihre Verbindungen zu zerschlagen, indem sie je zwei von ihnen in den verschiedenen Zellen unterbringt, die oft 30-40 Gefangene fassen. Aber die Renovierungsarbeiten in der Anstalt führen dazu, dass die Gefangenen sich ständig treffen können und nur zum Schlafen in ihren Zellen sind, die Islamisten bleiben unter sich. Darauf schlägt der Gefängnisdirektor eine neue Taktik ein. Eine Großzelle wird freigemacht, 10 „iranische Al-Kaida-Leute“ sollen darein, außerdem 14 andere Gefangene. Die anderen Gefangenen melden sich deshalb, weil in ihren überfüllten Zellen viel zu wenig Betten sind und sie auf dem Boden schlafen müssen.

Wer hat Angst vor dem bösen Wolf
Die Lage der Gefangenen, die nicht der „Al-Kaida“ angehören, ist heikel. Sie sind zwar aus politischen Gründen in Haft und wie die Al-Kaida-Leute Gegner des Regimes der Islamischen Republik Iran, aber das ist auch fast alles, was sie gemeinsam haben. Bahman beschreibt, dass die Anhänger des „Andschomane Padeschahi“ (Monarchisten, die eine Rückkehr des Schahs in den Iran wünschen) sich in Gegenwart dieser Islamisten nur noch flüsternd unterhielten, weil sie Angst vor ihnen hatten. Andere Gefangene schauten morgens immer neugierig in ihre Zelle, ob die Nicht-Islamisten noch lebten. Die 14 Nicht-Islamisten waren außer Bahman Ahmadi Amu’i (Journalist) und Abdollah Mo’meni (ein politisch aktiver Student) ein Anhänger der Monarchisten (Andschomane Padeschahi), acht Anhänger der Grünen Bewegung (Reformisten) sowie drei Kurden, ebenfalls politische Gefangene (einer aus der Türkei, einer aus Syrien, einer aus dem Iran). Bahman Ahmadi Amu’i schreibt, in ihrer Zusammensetzung in der Zelle waren sie ein Abbild des Nahen Ostens im Kleinen. Zwischen den beiden Gruppen (10 iranische Al-Kaida-Leute, 14 andere Gefangene) gab es fast keine Kontakte. Bahman bemühte sich, Kontakt mit den Al-Kaida-Leuten zu bekommen, aber sie waren in sich geschlossen. Das Zusammenleben ist problematisch. Einer der 14 zieht es vor, wegen der Hitze im Gefängnis (Sommer in Teheran!) sein Oberhemd auszuziehen, so dass man seinen behaarten Oberkörper sehen kann. Die Al-Kaida-Leute warnen ihn jeden Tag, er solle das bleiben lassen, sonst würden sie zu Maßnahmen greifen.

Lügenfernsehen
Ein gemeinsamer Punkt ist ihr Zweifel am staatlichen iranischen Fernsehen. Als die 14-Uhr-Nachrichten berichten, dass zwei Personen bei Selbstmordanschlägen in Kabul drei Angehörige der Nato-Streitkräfte umgebracht haben“, protestieren die Al-Kaida-Leute, das iranische Fernsehen berichte zu Gunsten Amerikas. Wie könne es sein, dass bei zwei Selbstmordanschlägen nur drei Menschen ums Leben kämen? Einer der Islamisten ruft erfreut: „Die haben zwei Nullen weggelassen, es sind bestimmt 200 ums Leben gekommen.“ (Der Rechenfehler mag im Kopf dieses Islamisten erfolgt sein, ansonsten ist das ein Tippfehler im Persischen). Wann immer im Fernsehen die Nachricht von einem Terroranschlag kommt, umarmen sich die Al-Kaida-Leute und küssen sich vor Freude. Den anderen Mitgefangenen in der Zelle ist das unheimlich. Wie sollen sie damit umgehen?

Das Fest des Propheten
Der Tag, an dem Mohammad zum Propheten bestimmt wurde, wird als °Eyde Mab°ath bezeichnet, also Fest der „Sendung“. Die Al-Kaida-Leute in der Zelle verstehen darunter aber „Geburtstag“ des Propheten und lehnen es ab, sich an den Vorbereitungen zu diesem Fest zu beteiligen. Sie sagen, wenn das ein Tag zum Feiern wäre, warum hat der Prophet seinen Geburtstag selbst nicht gefeiert? Das Interessante an diesem Detail: Diese Islamisten wissen wohl nicht, was mab°ath eigentlich heißt, so schlecht sind ihre Arabisch-Kenntnisse und ihre religiöse Bildung.

Ich habe doch nur 8 ungläubige Amerikaner umgebracht
Abdollah, der Zellensprecher der Al-Kaida-Leute, berichtete einmal über die Umstände seiner Verhaftung. Er sagt: „Das ist wirklich Unrecht. Ich habe nur 8 ungläubige Amerikaner umgebracht. Aber der iranische Staat hält mich nun schon 11 Monate im Gefängnis fest. Das ist offenkundiges Unrecht. Auf der einen Seite sagt die iranische Regierung, dass Amerika der Feind ist, aber auf der anderen Seite verhaften sie diejenigen, die die Amerikaner in Afghanistan umbringen.“ Er wurde in Bukan (iranisches Kurdistan) verhaftet.

Teppichwaschen – der gemeinsame Nenner

In wenigen Dingen finden die beiden Fraktionen – die Mehrheit der Nicht-Islamisten und die 10 Al-Kaida-Leute – einen gemeinsamen Boden. So, als sie zwei alte Teppiche für die Zelle bekommen und sie gemeinsam waschen. In der Zelle werden verschiedene Aufgaben – Putzen, Kochen, Verteilung von rationiertem Essen – aufgeteilt. Die Gefangenen der Zelle einigen sich auch auf eine gemeinsame Begrüßung am Morgen: Dorud bar sharafetan – Ihre Ehre sei gesegnet.

Soziologie des neuen Islamismus
Die zehn islamistischen Gefangenen haben nur eine minimale Bildung. Keiner ist über 24 Jahre alt. Theorien und Analysen übersteigen ihren Horizont, und das, was sie aus dem Koran verstehen, kommt den anderen, die ja in einer islamischen Republik leben, zum Teil sehr komisch vor. Einer der 10 hat früher Haushaltsgeräte und Möbel repariert, ein anderer hatte einen kleinen Laden, zwei oder drei hatten einen Schulabschluss der neunten oder zehnten Klasse. Das einzige, wodurch sich die zehn voneinander unterschieden, war die Zahl der Einheiten (Joz’) des Korans, die sie auswendig wussten. Der Koran besteht aus insgesamt 30 Einheiten. Es waren keine Leute, die Romane, Erzählungen oder Gedichte lasen, auch soziologische Werke waren nicht ihr Thema. Sie lasen nur den Koran und lernten ihn auswendig. Das einzige, was sie an den im Gefängnis erhältlichen Zeitungen interessierte, war das Fernsehprogramm. Das Fernsehen schauten sie schon an.

Der Keim einer neuen Zensur

Was die 10 Al-Kaida-Leute auch machten, war, die Zeitungen in der Zelle darauf zu studieren, ob sie Worte enthielten, die nach ihrer Ansicht einer der Beinamen Gottes darstellten (und davon gibt es vielleicht über Hundert, nicht wenige davon sind auch übliche Vornamen, z.B. Aziz u.a.). Im Gefängnis dient die Zeitung u.a. dazu, das Klo zu reinigen. Nach Ansicht der Al-Kaida-Leute ist das Sünde, wenn die Zeitung einen der Beinamen Gottes enthält. Die Zeitungen, die im Gefängnis vorhanden sind, etwas Sobhan und Hemayat, sind dummerweise voll von solchen Wörtern, so dass die Islamisten an manchen Tagen die Zeitungen verbrannten, damit sie nicht „missbraucht“ werden konnten. Das war einer der alltäglichen Konflikte in der Zelle.

Sport und Spiel
Gemeinsames Volleyballspiel war eine der wenigen Tätigkeiten, die auch für die Islamisten akzeptabel war. Einer spielte sogar Schach. Ansonsten hockten sie in Gruppen zusammen, um den Koran auswendig zu lernen.

Nachrichten
Für die Islamisten waren nur Nachrichten über Bombenattentate der Al-Kaida im Irak und in Afghanistan interessant, außerdem Berichte, die mit ihrer Organisation zusammenhingen. Der Rest ließ sie kalt.

Zuwachs
Die Gefängnisleitung hielt sich nicht an die Abmachungen, und so füllte sich auch die neue Zelle. Bald waren es 17 Al-Kaida-Leute und 20 andere Gefangene in der Zelle. Täglich fand achtmal das Gemeinschaftsgebet in der Zelle statt – fünfmal von den Al-Kaida-Leuten und dreimal von den anderen Gefangenen – namentlich den Reformisten. In der Zelle war immer mehr Unruhe, denn auch die Islamisten der Nachbarzellen kamen zum Gebet. Inzwischen sind unter den Gefangenen auch ein Palästinenser, der an einer Uni in Kiew (Ukraine) studiert hat, und zwei Ägypter, die von der Türkei in den Iran eingereist waren, von dort weiter nach Pakistan, und dann auf dem Rückweg im Iran verhaftet worden waren. Sie warteten auf ihre Auslieferung an Ägypten. Ein oder zwei waren aus Aserbaidschan. Sie wollten weiter in den Irak und waren im Iran verhaftet worden. Die Gefängnisleitung beschloss darauf, die Al-Kaida-Leute in das Gefängnis von Radscha’i-Schahr (in Karadsch) zu verlegen.

Essen in der Zelle
Der Vorschlag von Bahman, gemeinsam um das Tischtuch am Boden zu sitzen und gemeinsam zu kochen und zu essen, stieß bei den Islamisten auf Ablehnung. Sie sagten, sie wüssten ja nicht, wie das Vieh geschlachtet worden sei – sprich, sie wollten nicht glauben, dass das Fleisch in der Islamischen Republik Iran nach islamischen Regeln geschlachtet worden sei. Das war ein Weg, mit der diese Islamisten ihren Zweifel an der Islamischen Republik ausdrückten. Dagegen hatten auch die anderen Gefangenen keine Argumente. Bevor sich diese jungen Männer der Al-Kaida angeschlossen hatten, unterschieden sie sich nicht in ihren Essensgewohnheiten. Diese Vorwände waren ein Mittel, um sich von den anderen abzuheben und sich selbst als Gruppe zu definieren. Dagegen ist mit Logik nicht anzukommen. Bart, weite Hosen bis zum Knöchel oder die Essensgewohnheiten waren sozusagen ihr Markenzeichen.

Konflikte

Einige der Gefangenen in der Zelle waren Kurden, die in Kurdistan mit Waffen gegen die Al-Kaida-Leute gekämpft hatten und dann vom Regime verhaftet wurden. Einer dieser Kurden hatte in Freiheit die Propagandisten der Kaida im Iran ausfindig gemacht, um auf sie Anschläge zu verüben. Seine Freunde im Irak waren ebenfalls damit beschäftigt, diese Islamisten zu bekämpfen. Zwischen den beiden Gruppen kommt es deshalb in der Gefängniszelle immer wieder zu Prügeleien. Einer beschuldigt den anderen, für die Zerstörung Kurdistans verantwortlich zu sein.

Labor des Nahen Ostens
So wird die Zelle zu einem Abbild des Zusammenlebens der gegnerischen Gruppen in der Region: Al-Kaida-Anhänger, reformistische Moslems, Anhänger eines säkularen Staats, Kurden, die bei der PKK oder bei Pezhak mitmachen, Anhänger der Volksmudschahedin und Atheisten.

Aktiv in den Grenzgebieten
Ständig kommen neue Gefangene aus den Gefängnissen der Grenzregionen. Aus Urumije und Sanandadsch, zum Beispiel. Teheran ist für sie Zwischenstation, dann geht es weiter nach Radscha’i-Schahr. Es handelt sich meist um junge Männer vom Land, die kaum Schulbildung haben, keine Analysefähigkeiten und keine organisatorischen Talente. Die Al-Kaida wirbt diese arbeitslosen, enttäuschten und unzufriedenen jungen Männer bevorzugt in den Grenzgebieten an. Sie schickt einen Teil von ihnen scheinbar zu religiösen Studien nach Pakistan. Die Schulung dort führt dann zur Radikalisierung, manche lernen auch das Kriegshandwerk in Afghanistan und im Irak. Das sind die Anfänge einer neuen Form des Islamismus mit dem Ziel des Aufbaus eines Islamischen Staats.

Studierte sind eine Seltenheit
Bahman hat in zwei Jahren etwa 50 Gefangene kennengelernt, die der iranischen Al-Kaida angehörten und für die seine Zelle Durchgangsstation war. Nur zwei davon hatten die Uni besucht. Mit diesen kam er wenigstens ins Gespräch. Die anderen stammten aus unteren Gesellschaftsschichten und waren ziemlich arm, einfache Arbeiter, Bäcker, fliegende Händler, Zwischenhändler auf dem Basar, Schneider, Schweißer. Nur wenige hatten die Schule bis zum Abitur besucht. Ihr Hauptunterschied in der Bildung lag in der Zahl der auswendig gelernten Koran-Suren.

Islamismus und militärisches Kalkül
Nach dem Angriff der USA auf den Irak war der Iran das Verbindungsglied zwischen den al-Kaida-Anhängern in Pakistan und Afghanistan auf der einen und denen im Irak auf der anderen Seite. Das irakische und das iranische Kurdistan nahmen eine Schlüsselstellung für die Verbindungswege ein. Deshalb wurde in Kurdistan intensiv für Al-Kaida geworben. Die Werber traten zum Beispiel als Lehrer an Koranschulen oder an Theologischen Schulen auf. Natürlich blieb das den iranischen Geheimdiensten nicht verborgen. Aber sie dachten, dass es besser sei, wenn die unzufriedene kurdische Jugend sich den Al-Kaida-Islamisten anschließt als der PKK, der Pezhak oder der Komele oder der Demokratischen Partei Kurdistans/Iran. Die iranischen Organe dachten sich, wenn die Amerikaner die Westgrenzen des Irans überschreiten sollten, dann hätten sie jedenfalls willige Verbündete unter diesen Al-Kaida-Leuten. Da mochten sie sich täuschen, denn einer der beiden Männer, die studiert hatten, erklärten gegenüber Bahman: „Wir hatten schon am Anfang die Politik der Islamischen Republik bemerkt und nutzten die propagandistischen Möglichkeiten, die sich uns boten, optimal. Aber wenn der Westen den Iran angegriffen hätte, wären wir nicht zugunsten des Irans in Aktion getreten.“ Faktum ist, dass die feindliche Haltung der staatlichen iranischen Organe gegenüber Minderheiten wie Kurden, Balutschen und Arabern und die Verfolgung der Sunniten zu Zulauf unter solchen Gruppen führt. So kann es passieren, dass die iranischen Machthaber heute den gleichen Fehler wiederholen, den der Westen in den 1970-er Jahren begangen hat. Damals hat man Leuten wie Ajatollah Chomeini Unterstützung gewährt – so konnte er von Frankreich aus einen Propaganda-Sender betreiben, in der Hoffnung, dass die iranischen Islamisten bei der Machtübernahme ein wirksames Bollwerk gegen die Sowjetunion sein werden. Dass sich das Blatt gegen sie selbst wendet, wie die Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran zeigt, hatten sich diese Strategen nicht gedacht. Und genau diesen Fehler begehen jetzt die Ajatollahs auch.
Wie sagt man: Der Kluge lernt aus den Fehlern der andern.

http://news.gooya.com/2017/06/post-4573.php
vom 14. Juni 2017
10 mahe zendegi ba al-qa°ede’ihaye irani

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