Iran: Der Vater der „blauen Frau“


Sahar Chodayari mit ihren Brandwunden im Krankenhaus

Wie ein aus Iran Journal übernommener Artikel berichtete, hat sich in Teheran eine 29-jährige Frau namens Sahar Chodayari vor dem Justizgebäude angezündet, nachdem ein Gericht sie zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt hatte. Sahar Chodayari hatte versucht, als Mann verkleidet an einem Fußballspiel als Zuschauerin teilzunehmen, und war dabei gefasst worden. Im Gefängnis hatte Sahar gegenüber Mitgefangenen geäußert, dass sie Angst hat, dass ihr Vater sie umbringen wird, wenn er erfährt, dass sie so etwas gemacht hat. Diese Mitgefangenen waren später mit der Arbeiteraktivistin Sepide Gholyan in einer Zelle und haben ihr davon berichtet.
Das wirft die Frage auf: Was ist das für ein Vater? Was für eine Vorgeschichte hat er? Hilft uns dies, zu verstehen, wieso das Regime noch an der Macht ist?
Und ebenso stellt sich natürlich auch die Frage nach der Mutter. Was den Vater angeht, war in den iranischen Medien etwas zu finden, bei der Mutter endete die Suche mit einer Fehlanzeige.


Der Vater
Heydar-Ali Chodayari ist der Vater der „blauen Frau“. Er hat der staatlichen iranischen Nachrichtenagentur Mehr und auch anderen iranischen Medien Interviews gegeben, die inhaltlich übereinstimmen. Auch in späteren Interviews hat er an keiner Stelle seine früheren Äußerungen widerrufen oder dementiert, so dass man selbst im Rahmen der einseitigen staatlichen Medienberichterstattung annehmen muss, dass er hier seine wirkliche Gesinnung offenbart. Die Tatsache, dass seine Tochter Angst hatte, dass er sie umbringen würde, spricht auch dafür, dass seine Worte tatsächlich seinen Vorstellungen entsprechen.

Dschanbas (Janbaz) – ein Kriegsversehrter
Heydar-Ali Chodayari sagt von sich selber: Man fada‘iye nezam hastam – Ich bin bereit, mich für dieses System aufzuopfern. Ich bin Kriegsversehrter aus dem uns aufgezwungenen Krieg (gemeint ist der iranisch-irakische Krieg). Ich liebe den Imam (gemeint ist Imam Chomeini) mit Herz und Seele. Und sollte dem Land künftig – Gott verhüte – etwas zustoßen, werde ich an vorderster Stelle die herrschende Ordnung verteidigen. Ich habe keine Angst. Wenn ich auch nur ein Prozent anderer Meinung wäre als dieses System, dann würde ich es jetzt verkünden. Aber ich sage: Weder ich, noch meine Tochter, noch irgendein anderes Mitglied meiner Familie hatten je ein Problem mit dieser Ordnung und haben auch jetzt keins.“

Der Vater stellt Tochter als psychisch krank dar
In seinen Interviews ist der Vater bemüht, seine Tochter als psychisch krank darzustellen. Sie sei das Opfer der Anstachelung von anderen, denen er alle Schuld zuweist. Er sagt: „In den paar Tagen, in denen Sahar im Krankenhaus lag (wo sie den Verletzungen der Selbstverbrennung erlag), ist keine Celebrity (Berühmtheit, engl.) und kein footballist oder irgendein Verantwortlicher gekommen, um sie zu besuchen, ich habe auch keinen gesehen.
(AdÜ: Bei so einem Vater dürfte das auch nicht ganz ungefährlich sein…)
Der Vater fährt fort: „Jeder, der sagt, dass Sahar Opfer (erg. des Regimes) ist, stellt eine grundlose Behauptung auf. Wem ist Sahar zum Opfer gefallen? Sie hatte nervliche Probleme. An dem Tag, an dem sie zum Gericht ging, hatte sie wieder einen Nervenzusammenbruch, worauf sie zur Selbstverbrennung geschritten ist.

Vater dementiert Haftstrafe
Der Vater sagt weiter: „Es ist kein Urteil ergangen, dass Sahar ins Gefängnis kommt. Als Familie von Sahar verkünden wir (AdÜ: er spricht für alle…), dass überhaupt nicht beschlossen war, dass Sahar ins Gefängnis kommt.

Leichnam erhalten
Dass der Vater nicht auf Bestellung für das Regime spricht, zeigt auch ein Detail, in dem es um die Aushändigung der Leiche geht. Dies ist bei kritischen Angehörigen oft ein heikler Streitpunkt, und es gibt genügend Fälle, in denen Opfer des Regimes heimlich vergraben wurden. Nicht so hier. Der Vater sagt: „Der Leichnam meiner Tochter wurde nach ihrem Verscheiden übergeben, wir hatten dabei keinerlei Probleme. Uns wurde dabei gesagt, dass wir Sahar begraben können, wo immer wir wollen. Wir hatten keinerlei Probleme bei der Bestattung.

Die anderen sind schuld
Auf die Frage, ob er diejenigen, die mit „nebensächlichen Dingen, wie etwa, dass Frauen Stadions betreten dürfen“ die „Mädchen und Jugendlichen anstacheln“, für den Tod seiner Tochter verantwortlich macht, antwortete er: „Genau, ich halte diese Leute (die das fordern) für schuldig. Also wirklich, wozu müssen Frauen in ein Stadion? Wenn sie selbst Sport treiben, ist das ja noch was anderes.“
Er erklärte abschließend: „Ich bin nicht mit denjenigen einverstanden, die das Blut meiner Tochter für ihre Zwecke missbrauchen und erkläre das auch nicht als halal (islamisch akzeptabel). Diese Menschen machen einen Fehler, indem sie unter dem Vorwand eines Vorfalls, der Sahar zugestoßen ist, gegen dieses Land reden.“


Fazit
Der Vater ist jemand, der im iranisch-irakischen Krieg (1980-87) nicht nur einen Teil seiner Gesundheit eingebüßt hat, sondern dafür – sei es materiell oder anders – auch wohl so belohnt wurde, dass er bis heute hinter diesem System steht. Das ist nicht selbstverständlich, denn andere Kriegsversehrte protestieren inzwischen vor dem Parlament gegen die zu niedrigen Renten, die sie erhalten. Er kann zweifellos zu den Stützen des Regimes gezählt werden, auf diese Menschen können die Machthaber bauen. Die Werte, die dem Vater vermittelt wurden, machen ihn immun gegen den Tod seiner Tochter, auch sein eigenes Leben ist weniger Wert als diese Werte. Dass er die Selbstverbrennung seiner Tochter als Folge eines Nervenzusammenbruchs darstellt und ihr Handeln nur als Folge von fremder Anstachelung sieht, bedeutet, dass er sie wohl bis zuletzt nicht als selbständig denkenden Menschen wahrnehmen wollte. War das seine „Lösung“, um sich mit ihren Gedanken nicht auseinandersetzen zu müssen. Hat er Angst vor diesen Gedanken?
Dass die Tochter dieses eingefleischten Anhängers der Islamischen Herrschaft unter den Einfluss der Gegner des Systems geraten ist, „angestachelt“ wurde, zeigt, dass der Protest jetzt auch im Kern der Schichten angekommen ist, die hinter der Islamischen Republik stehen.

https://fararu.com/fa/news/411316/پدر-سحر-خدایاری-سحر-قربانی-چه-شده-او-مشکل-عصبی-داشت
vom 20. Schahriwar 1398 (11. September 2019)
pedare sahar xodayari: sahar qorbaniye che shode? u moshkele °asabi dasht

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email