Studentenbewegung im Iran – quo vadis?


Laut verschiedenen Nachrichtenagenturen und Webseiten haben die StudentInnen der Universität Tabriz (Nordwestiran) am Samstag, den 27. September, einen Sitzstreik durchgeführt. Anschließend nahmen sie an einer Demonstration vor verschiedenen Fakultäten der Universität teil, wo sie Plakate in zwei Sprachen hochhielten. Auf ihnen war zu lesen: „Lasst unsere Freunde frei“, „Man muss sagen was zu sagen ist“, „Wenn es weh tut, muss man es sagen“ und „Du darfst nicht müde werden, am Ende des Weges ist Licht“.

Am Ende bewegten sich die DemonstrantInnen zum Hauptgebäude der Universität und verlasen einen offenen Brief an den Rektor, mit fogendem Inhalt: „Sechs Freunde von uns sind seit 3 Monaten in Haft (die Freunde wurden namentlich genannt). Das Semester hat wieder begonnen aber sie sind nicht da. Wir verlangen von Ihnen, als dem Rektor der Universität, dass Sie uns unterstützen und dazu beitragen, dass unsere Freunde wieder frei kommen.“

Anmerkung:

Bevor Chomeini in den Iran kam, befand sich die iranische Studentenbewegung auf ihrem Höhepunkt. Alle Studierendengruppen, egal ob religiöse, linke, usw., waren sehr aktiv und haben zusammengearbeitet. Als Chomeini kam, wurde von einem Teil der religiös orientierten Studenten eine Linie mit dem Namen „Daneshjuyane Khate Emam“(Studenten (, die) der Linie des Imam (folgen)) gegründet. Der Leiter war ein Geistlicher namens Hojatollaleslam Choeiniha. Unter Chomeini war er Generalstaatsanwalt für den gesamten Iran. Die Besetzung der US-Botschaft im Iran vom 4. November 1979 bis zum 20. Januar 1981 wurde von 400 Mitgliedern dieser Gruppierung vorbereitet und durchgeführt (vgl. Wikipedia-Artikel).

Angesichts der Stärke vor allem auch der linken Fraktionen der Studentenbewegung in dieser Zeit musste Chomeini ihren Einfluß begrenzen und schloß die Universitäten für die Dauer von zwei Jahren. Tausende Studenten und Studentinnen sind damals hingerichtet worden.

Auch nach der Wiedereröffnung der Universitäten konnte sich für lange Zeit, bis zum Jahr 1999, keine kritische Studentenbewegung mehr bilden. Im Juli 1999 erfuhr die neu erstarkte Studentenbewegung eine bittere Niederlage als Massendemonstrationen von bis zu 20.000 Studierenden vom iranischen Geheimdienst, Revolutionswächtern und der Hisbollah blutig niedergeschlagen wurden.


Die vier Personen auf diesem Bild (2. von links: Ahmadinejad) hatten bei der Niederschlagung der Studentenbewegung eine bedeutende Rolle: Sie strengten 1999 gegen den damaligen Hojatollaleslam und heutigen Ayatollah Choeiniha eine Klage an wegen seiner Funktion als Herausgeber der Zeitschrift „Salam“. In einer Ausgabe von Salam war ein Artikel erschienen, der ganz offen über die Kettenmorde der 1990er Jahre berichtet hatte.

Sechs Jahre später zogen die iranischen Präsidentenwahlen von 2005 und der Aufruhr um das iranische Atombombenprogramm eine weltweite Aufmerksamkeit auf sich, die einen kleinen Freiraum schuf, den sich auch die StudentInnen zunutze machten. Ahmadinejad, der als neuer Staatspräsident aus den Wahlen hervorging, liess schon kurze Zeit später Professoren und Rektoren zwangsweise in Pension zu schicken, die ihm zu reformistisch waren. Sukzessive wurden die Universittäen islamisiert; wer sich auflehnte, bekam Studienverbote. Es kam zu einer Aufspaltung der Studentenbewegung.

Noch immer protestieren die Studenten gegen die Zustände in den Wohnheimen, gegen das schlechte Mensa-Essen, gegen die miserable Ausstattung der Bibliotheken. Die jüngste Erklärung des Studierendenvereins Daftar-e Tahkim-e Wahdat analysiert die Situation der Studierenden so, daß ein enormer Druck von oben (von Regierungsseite) ausgeübt wird, jedoch von unten (von der iranischen Bevölkerung) keine Unterstützung kommt. Sie sagen, dass von Innen keine Verbesserungen zu erwarten sind und auch von Außen nicht mit einer starken Opposition zu rechnen ist.

Dagegen steht die gegenteilige Einschätzung von den wenigen linken, demokratischen Studentengruppierungen, die nur selten in der Öffentlichkeit zu vernehmen sind. Sie gehen davon aus, dass die Rolle der iranischen Regierung weltweit in eine Sackgasse geraten ist, sowohl was die Außenpolitik als auch was die gesellschaftliche und ökonomische Situation im Innern angeht. Diese Grupen sehen ihre Aufgabe darin, die offenkundige Unzufriedenheit in der Bevölkerung aufzugreifen und sich für eine demokratische und säkulare Gesellschaft einzusetzen. Manche von ihnen treten offen als sozialistische Gruppe auf und scheuen sich nicht, grundsätzliche Forderungen zu erheben.

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