Archiv der Kategorie 'Kultur'

Karnaval in Rascht (nicht in Rio) – Neues aus dem Iran


Am 2. Januar 2016 beging die Stadt Rascht, die am Südufer des Kaspischen Meeres liegt und mehr als eine halbe Million Einwohner hat, den Feiertag der Stadt. Zu diesem Anlass organisierte die Stadtverwaltung von Rascht auch eine öffentliche Theateraufführung und Tänze, auf denen auch Mädchen auftraten.

Das brachte ihr anschließend eine geballte Ladung von Protesten der bornierten Geistlichkeit ein, die kein bißchen anders denken wie die Führer des Islamischen Staats in Syrien und im Irak. Nur sind die Iraner schon ein Stück weiter als die Anhänger des IS. Sie wissen, dass die Geistlichen so korrupt sind wie vorher das Schahregime, und dass ihre Moral nur Fassade ist. Noch haben die Mollas die Waffen, aber die Leute machen, was sie für richtig halten.

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Nationalismus im Iran: vom Fernsehen auf die Straßen


Der Film, um den es geht
http://news.gooya.com/politics/archives/2015/11/204543.php

Kürzlich wurde im iranischen Fernsehen in der Sendung „fitile“ (Docht, Zündschnur), die für Kinder und Jugendliche bestimmt ist, ein Sketsch gezeigt, in dem sich zwei iranisch-aserbaidschanische Gäste, deren Persisch mit türkischen Wörtern durchsetzt ist, bei der Rezeption des Hotels beschweren, weil es in ihrem Zimmer so stinkt. Der Mann an der Rezeption versucht die beiden – Vater und Sohn – zu beschwichtigen, wobei er auch ein paar türkische Redewendungen zustande bringt, und den Grund der Beschwerde zu ermitteln. Es kommt heraus, dass der Vater dem Sohn die Zähne mit der Klobürste geputzt hat und dass es aus dem Mund des Sohnes stinkt. Der Rezeptionist versucht dem Vater diplomatisch beizubringen, dass es für kleine empfindliche Kindermünder extra kleine Zahnbürsten gibt…


Aseris demonstrieren gegen ihre Verunglimpfung im Fernsehen

Diese Art von Witz ist den iranischen Türken (Aseris) genauso sauer aufgestoßen wie einem in Deutschland die Türkenwitze auf den Wecker gehen können. Mehr noch, sie empfanden es als Beleidigung des aseri-türkischen Volks und gingen heute auf die Straße. In mehreren Städten – Tabris, Urumije, Ardabil und Meschkin-Schahr – kam es deshalb zu Zusammenstößen mit den angeblichen Sicherheitskräften, die nicht nur Knüppel, Tränengas und Pfefferspray einsetzten, sondern auch Sonderkräfte einsetzten, die mit dem Motorrad rücksichtslos in die Menge fuhren.


Motorrad-Armee vor dem Angriff aufs Volk

Das iranische Fernsehen reagierte zwar mit einer Entschuldigung für diese Sendung und versprach, die Schuldigen zu bestrafen, aber mit so einer Art von Polizeieinsätzen wird das Klima gewiss nicht besser. Dem Staat ist offensichtlich bewusst, dass er hier ein riskantes Spiel spielt, aber er ist offensichtlich nicht willens und nicht fähig, über den Schatten des persischen Nationalismus hinwegzuspringen. Das verheißt nichts Gutes für den Fortbestand des Staates, denn dieses Regime wird genauso wegbrechen, wie die Sowjetunion, und dann können solche gärenden Konflikte enden wie in Jugoslawien.

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Iran: vom Trauermonat zur Fasnacht

Nach dem Islamischen Kalender ist wieder Moharram, Trauermonat der Schiiten, die in den Aschura-Umzügen an den Märtyrertod von Imam Hussein erinnern. Diese Veranstaltungen nehmen immer mehr Fasnachts-Charakter an, wie folgende Bilder deutlich machen:
Quelle: http://www.peykeiran.com/Content.aspx?ID=97509

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Der Islam ist auf den Hund gekommen


Der Hund ist der beste Freund des Menschen

Eigentlich gilt der Hund unter den Muslimen als unrein. Deswegen ist das Schimpfwort Hund oder Hundesohn in islamischen Kulturen besonders beleidigend, im Persischen sollte man deshalb niemals zu jemandem „Pedar-Sag“ (Vater-Hund) sagen. Auch „it“ oder „itoglu“ im Türkischen ist nicht empfehlenswert, oder „kalb“ im Arabischen.
Interessanterweise hat dies aber auch die iranische Polizei nicht daran gehindert, mit Hunden gegen Demonstranten vorzugehen. Oder bei Durchsuchungen von Wohnungen oder Autos die feine Nase von Hunden zu nutzen.
Und in vielen Dörfern des Irans ist es ganz normal, einen Hund zu haben. Man hält ihn nicht in der Wohnung, sondern draußen, wo er schläft und frisst, aber auch iranische Kinder spielen mit den Hunden wie hier im Westen auch.
Zur Schahzeit war es unter Städtern noch wenig üblich, einen Hund zu halten, von den ganz Reichen mit großen Villen einmal abgesehen. Unter der Islamischen Republik Iran hat sich das gründlich geändert. Gerade, weil die Mollas ständig predigen, dass Hunde unrein seien, wurde es unter Jugendlichen zur Mode, sich einen kleinen Hund anzuschaffen und mit ihm im Park spazieren zu gehen, wo man auf gleichgesinnte HundebesitzerInnen traf und sich unterhielt. Wenn sich ein Junge und ein Mädchen treffen wollten, ohne verheiratet zu sein, wäre das sonst ein Problem gewesen, aber die jeweiligen Hunde boten eine willkommene Ausrede.
Aber irgendwann kriegten die Geistlichen das spitz und wiesen die Polizei an, den Menschen zu verbieten, die Hunde in den Park zu bringen.
So führt man die Hunde heute in der Stadt eher zu nächtlicher Stunde aus.

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Iran:Bilder


Torkaman Sahra

Torkaman Sahra

Torkaman Sahra

Torkaman Sahra

Torkaman Sahra


Orumiye -Noruzbazar

Orumiye -Noruzbazar

Orumiye -Noruzbazar


Hamedan

Hamedan

Hamedan

Hamedan

Hamedan

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Frauen dürfen im Iran nicht singen

Die beiden aserbeidschanischen Musiker Alim Ghasemov und seine Tochter Forghane Ghasemov sind vom iranischen Kulturministerium mit ihrem gesamten Orchester nach Teheran eingeladen worden. Sie sollten drei Auftritte machen.


Foto des ersten Konzerts mit Alim Ghasemov und Forghane Ghasemov im Iran

Zweimal fanden die Konzerte statt und war ausverkauft. Viele Konzertbesucher konnten nur Stehtickets ergattern. Die Konzerte waren sehr erfolgreich und das Publikum war begeistert.

Beim dritten Auftritt im „Talare Waghdat“ gab es dann Schwierigkeiten mit Sicherheitskräften, die das Konzert unterbinden wollten. Grund dafür war, dass es im Islam nicht erlaubt ist, dass Frauen singen.

Die Konzertbesucher standen draußen vor der Tür und mussten in der Kälte warten, während die Veranstalter mit den Sicherheitskräften diskutierten. Das Publikum wollte nicht nach Hause gehen. Schließlich durfte das Konzert mit eineinhalb Stunden Verspätung doch noch stattfinden, allerdings ohne die weibliche Sängerin. Sie musste hinter der Bühne im Backstage stehen.

Als das Konzert zuende war, rief das Publikum immer wieder „Forghane, Forghane!“, klatschte in die Hände und pfiff, so lange, bis Forghane schließlich auf der Bühne erschien.

Gegenüber einigen Journalisten hat die Sängerin Forghane Ghasemov den Abend mit keinem Wort kommentiert – sie war wohl verärgert, hatte Angst und war voll innerer Unruhe. Schließlich machte sie doch eine Bemerkung dahingehend, dass sie ihrem Vater keine Probleme bereiten wollte. Auf die Frage, ob sie jemals in der Welt solche Erfahrungen gemacht hätte, antwortete sie „Nein, niemals. Das war das erste Mal“. Alim Ghasemov hat sich zu Konzertbeginn auf der Bühne beim Publikum entschuldigt.

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Ein Gespenst geht um im Iran – die Menschenrechtserklärung


Tonzylinder von Kyros II. (6. Jh. vor Christus)

Der Text
Die Menschenrechtserklärung, um die es hier geht, ist nicht die der Vereinten Nationen von 1948. Nein, sie ist etwa 2500 Jahre älter. Es handelt sich um einen Tonzylinder mit einem Text in akkadischer Keilschrift, der auf Veranlassung von König Kyros II. (Kyros der Große) verfasst wurde, nachdem er Babylon erobert hatte. Den Text findet man auf Englisch an folgender Stelle:
http://www.livius.org/ct-cz/cyrus_I/cyrus_cylinder2.html
und auf Deutsch hier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Kyros-Zylinder
Die Webseite www.livius.org liefert auch einen Scan des Original-Textes der Keilschrift, zu finden hier:
http://www.livius.org/a/1/mesopotamia/cyrus_cylinder_scan.pdf
mit einigen Erklärungen von Jona Lendering zu den Tücken, die das Lesen und Verstehen dieser Texte erschweren:
http://www.livius.org/cg-cm/chronicles/reading.html

Menschenrechtserklärung vor 2500 Jahren?
Einmal abgesehen davon, dass solche alten Texte einen Wert für sich haben, ist es aufschlussreich, was für ein Politik damit betrieben wurde. So nutzte der Schah von Persien (Mohammad Resa Schah) das Stück zur Selbstdarstellung, als er im Jahr 1971 eine 2500-Jahresfeier der Monarchie im Iran inszenierte. Am 14. Oktober 1971 ließ er ein Imitat des Tonzylinders an den UN-Generalsekretär in New York übergeben, wo es einen Ehrenplatz erhielt. Bei www.livius.org kann man noch einen Originaltext jener Zeit finden, wie die UN die Propaganda des Schahs mittrug:
http://www.livius.org/a/1/inscriptions/cyrus.pdf

Das Wörterbuch von Dehkhoda (gesprochen DeH-choda)

Eine persische Übersetzung des akkadischen Texts hat auch im persischen online-Wörterbuch von Dehkhoda Eingang gefunden. Dieses umfangreiche Wörterbuch wurde in Jahrzehnten erstellt und wird heute durch Internet-Nutzer weiter aktualisiert. Einer dieser Nutzer, also keiner vom fachlichen Team, hat das Stichwort manshur, das mit Erlass, Edikt u.a. ins Deutsche übersetzt wird, um den Artikel manshur-e Kurush erweitert, also das Kyros-Edikt. Dort präsentiert er eine „Übersetzung“ des Textes, der eine glatte Fälschung darstellt:

Dort heißt es unter anderem:
„(..) ich verkünde, dass solange ich lebe und Masda mir die Zustimmung zur Herrschaft erteilt, die Religion und Tradition der Völker, deren Schah ich bin, geachtet wird. Und ich werde nicht zulassen, dass meine Amtsträger und Untergebenen die Religion und die Tradition der Völker, deren Schah ich bin, oder die anderer Völker erniedrigen oder sie beleidigen.
Ich werde von heute an, da ich mir die Krone des Schahs aufs Haupt gesetzt habe, bis zu dem Tag, an dem ich lebe und Masda mir die Zustimmung zur Herrschaft erteilt, niemals meine Herrschaft einem Volk aufzwingen. Jedes Volk ist frei, mich als seinen Herrscher zu akzeptieren oder nicht zu akzeptieren. Und wann immer es mich nicht als Herrscher akzeptieren will, werde ich keinen Krieg um die Herrschaft über dieses Volk führen.“ (…)
„So lange ich lebe, werde ich nicht zulassen, dass jemand einen anderen zur Fronarbeit heranzieht und ihn zur Arbeit zwingt, ohne ihm Lohn zu bezahlen.“ (…)
Es folgen noch viele weitere fromme Sprüche, die im Original nirgends zu finden sind. Es fällt auch auf, dass in dieser „Übersetzung“ tatsächlich Rechte garantiert werden, während das Original einen Rechenschaftsbericht darstellt. Da dieser Bericht historischen Mustern der damaligen Zeit folgt, darf man auch nicht davon ausgehen, dass alles, was im Original steht, der Wirklichkeit entspricht.

Die Übersetzung ist zwar falsch, aber sehr beliebt. Wer will, kann mal das Stichwort „Kyros Zylinder Menschenrechte“ bei google eingeben, da findet man ein breites Spektrum von Treffern, die auf der gefälschten Übersetzung beruhen, zum Beispiel bei amnesty international:
https://www.amnesty.at/de/menschenrechte/

Vom Schah zum Nobelpreis
Als der Friedensnobelpreis 2003 an die iranische Juristin und Menschenrechtsaktivistin Shirin Ebadi verliehen wurde, erklärte sie am 10. Dezember 2003, anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo:
„Ich bin Iranerin. Ein Nachkomme von Kyros dem Großen. Dem Herrscher, der vor 2500 Jahren auf dem Höhepunkt der Macht verkündete, dass „..er nicht über das Volk herrschen würden, wenn es dies nicht wolle.“ Und er versprach, dass er niemanden zwingen würde, seinen Religion oder Glauben zu wechseln, und er garantierte Freiheit für alle. Die Charta von Kyros dem Großen ist eines der wichtigsten Dokumente in der Geschichte der Menschenrechte, das man studieren sollte.“
Das ist ein Armutszeugnis für Shirin Ebadi, die noch unter dem Schah Jura studierte und die erste Richterin des Landes wurde. Sie ist 1947 geboren und hat die Schah-Propaganda aus eigener Anschauung mitbekommen. Da hätte sie sich auch mal kundig machen können, von Richtern erwartet man ja eigentlich, dass sie auch die Gegenseite hören oder lesen…
http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/peace/laureates/2003/ebadi-lecture-e.html


Narges Mohammadi überreicht dem Oberhaupt der Sunniten im Iran, Moulawi Abdulhamid, den Menschenrechtspreis an seinem Wohnort in Sahedan

Von Babylon nach Sahedan
Narges Mohammadi, eine engagierte und wiederholt inhaftierte iranische Menschenrechtlerin, die 1972 in Sandschan geboren wurde, ist heute stellvertretende Vorsitzende des Menschenrechtszentrums, das von Shirin Ebadi geführt wird. Sie lebt weiter im Land und läuft damit jederzeit Gefahr, für ihre Aktivitäten inhaftiert zu werden. Sie hat am 23. Dezember 2014 das Oberhaupt der Sunniten im Iran, den balutschischen Menschenrechtler Moulawi Abdulhamid, in Sahedan, der Hauptstadt der Region Sistan und Balutschistan, besucht und ihm ein Imitat des Tonyzlinders überreicht. So wie bei der Olympiade die Fackel von einer Hand in die nächste übergeben wird. Sie würdigte insbesondere den mutigen Einsatz von Moulawi Abdulhamid für die gleichberechtigte Religionsausübung aller Glaubensrichtungen. In diesem Punkt findet sich sogar eine Übereinstimmung mit dem echten Text des Tonzylinders, in dem Kyros darauf hinweist, er habe die Heiligtümer der diversen Götter in Babylon wieder installieren lassen.
http://www.humanrights-ir.org/php/view.php?objnr=1232

Vom Schah zum Botschafter der Islamischen Republik Iran
Was der Schah kann, können wir auch, dachte sich die iranische Regierung unter dem Geistlichen Hassan Rouhani. Und so enthüllte der Botschafter der Islamischen Republik Iran in Holland Aliresa Dschahangiri am 1. Dezember 2014 zusammen mit dem Generalsekretär der Haager Akademie für Internationales Recht, Prof. Yves Daudet, eine Replika des Tonzylinders im Justizpalast von Den Hague, dem Sitz des Internationalen Gerichtshofs. Der Rechtsberater der Botschaft der Islamischen Republik Iran Dr. Ali Fahimdanesch, schrieb dazu:
„Der Zylinder ist aus folgenden Gründen ein wichtiges Dokument. Erstens hält er fest, dass Kyros Babylon friedlich besetzt und dabei Blutvergießen und Plünderung verhindert hat. Zweitens besagt er, dass Kyros die Bewohner der Stadt von Zwangsarbeit befreit hat, die ihnen von den babylonischen Königen auferlegt worden war. Drittens sagt Kyros, dass er Götterstatuen in die Heiligtümer zurückgebracht hat, von wo sie entfernt worden waren. Viertens schickte er deportierte Völker in ihr Heimatland zurück. Die erste Charta der Menschenrechte wurde 1971 in alle offizielle Sprachen der Vereinten Nationen übersetzt, ihre Bestimmungen entsprechen den ersten vier Artikeln der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.“
Während Dr. Fahimdanesch mit den ersten Punkten noch an den Originaltext anknüpft, ist schon der Begriff „Bestimmungen“ irreführend. Denn das Dokument legt nicht fest, was in Zukunft getan werden soll, im Gegensatz zur Menschenrechtserklärung. Damit knüpft auch der Rechtsberater der iranischen Botschaft in Holland an den Mythos an, den der Schah in die Welt gesetzt hat.

http://www.diplomatmagazine.nl/2014/12/13/first-declaration-human-right-peace-palace/

Geschichtsfälschung – ein menschliches Bedürfnis?
Am Beispiel des Tonzylinders von Kyros dem II. kann man sehen, wie im Laufe von 40 bis 50 Jahren ein Mythos aufgebaut wird und sich festsetzt, der mit den historischen Fakten nicht viel zu tun hat. Die Teilhaber und Architekten dieses Mythos umfassen ein breites Spektrum der iranischen Gesellschaft – Monarchisten und Vertreter der Islamischen Republik, Nationalisten und Menschenrechtler. Offensichtlich füllt die fingierte Übersetzung eine Lücke, die von den beteiligten Menschen verspürt wird, sonst hätte die Propagandalüge des Schahs nicht so lang überlebt.
Mag ein zentraler israelischer Mythos im Bildnis David gegen Goliath zu suchen sein, so scheint in der iranischen Kultur der großmächtige, aber tolerante Herrscher das Ziel der Sehnsüchte zu sein. Die Gegenwart sieht anders aus? Also holen wir uns einen aus der Vergangenheit.
In Deutschland ist das nicht anders: Hatten wir schon keinen nennenswerten Widerstand gegen Hitler zu seinen Lebenszeiten, so hat Stauffenberg und das Attentat auf Hitler in München 1939 den Eingang in alle deutschen Geschichtsbücher gefunden. Im Vergleich dazu sind die Akte des Widerstands gegen die Nazis in den besetzten Ländern deutlich untervertreten, aber die entsprechen ja auch nicht dem Bedürfnis, dass „wir“ dem Tyrannen Widerstand geleistet haben wollen.
Immerhin ist es schön, dass es den Iranern danach steht, eine Menschenrechtserklärung im Zentrum ihrer Geschichte zu sehen, in der Toleranz und Freiheit im Mittelpunkt stehen. Einen deutlicheren Kontrast zum real existierenden Iran gibt es nicht.

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Iran: Kulturkampf in der U-Bahn


Tanz in der Metro von Teheran

Schon seit einiger Zeit läuft im Iran eine Aktion, dass sich Frauen ohne Kopftuch an der Öffentlichkeit zeigen, fotografieren und das Foto in Facebook veröffentlichen. Bei einem Regime, das die Frauen in der Öffentlichkeit nur verhüllt sehen will, stoßen solche Aktionen auf Ablehnung und Verfolgung. Trotzdem gibt die neue Generation nicht nach. Inzwischen trauen sich einzelne Mädchen sogar, in der Teheraner U-Bahn zu US-Musik moderne Tänze aufzuführen – in der Frauenabteilung der U-Bahn, sich dabei filmen zu lassen und den Film in youtube zu veröffentlichen. So etwas kann mit Verhaftung enden, und die Tänzerinnen wissen es, aber sie lassen sich trotzdem nicht abhalten.

Quelle: http://www.radiofarda.com/content/f16-iran-video-dance-tehran-metro/26716879.html

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Wem gehören die Herzen der Massen im Iran?

Gholamreza Takhti (*1930 – †1968), war ein iranischer Freistilringer der zu seiner Zeit äußerst populär war. Aus einfachen Verhältnissen stammend, schaffte er es in kurzer Zeit zur Weltmeisterschaft (1951) und gewann bei vier Olympischen Spielen Gold- und Silbermedaillen. Sein Tod im Jahr 1968 kam überraschend und seine Umstände sind bis heute nicht geklärt. Es heisst, der iranische Geheimdienst SAVAK hätte ihn ermordet. An seiner Beerdigung in einem kleinen Ort 20 km östlich von Teheran nahmen ca. 1 Mio. Menschen teil. Damals war das eine große Überraschung, nicht nur für die iranische Regierung sondern auch für Opposition.

Mohammad Ali Fardin (*1930 – †2000) war ebenfalls ein starker iranischer Freistilringer, der an der Weltmeisterschaft in Tokio 1954 und bei den Olympischen Spielen 1956 große Erfolge feiern konnte. Nach seiner Zeit als Ringer setzte er seine Karriere als Schauspieler fort und spielte in zahlreichen iranischen Spielfilmen mit. Unter der islamischen Republik fiel er in Ungnade und konnte keinen einzigen Film mehr drehen. Wiederum völlig überraschend nahmen mehr als hunderttausend Menschen an seinem Begräbnis im Jahr 2000 teil.

Mahvash (*1920 – †1961) war eine berühmte iranische Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin in der Zeit des Schahs. Sie stammte ebenfalls aus einer armen Familie und hatte zeitlebens ein offenes Herz für die Bedürftigen. In jungen Jahren musste sie als Prostituierte arbeiten, später wurde sie eine bekannte Darstellerin auf Teherans Bühnen. Sie errang bei den breiten Massen tiefe Bewunderung indem sie in ihren Liedern die Probleme, Schwierigkeiten und Frustrationen der einfachen Menschen ausdrückte, die sie selbst nur allzu gut kannte. Unglaubliche ca. 1 Mio. Menschen Menschen kamen zu ihrer Beerdigung, worauf niemand vorbereitet war.

Morteza Pashaei (*1984 – †2014) war ein iranischer Sänger, Komponist und Popstar, der erst vor vier Tagen, am 14.11.2014, verstorben ist. Nach seinem Studium des Grafik-Designs an der Azad Universität begann er eine Musikkarriere, mit Liedern, die er zunächst im Internet über Youtube verbreitete. Vor etwa einem Jahr wurde bei ihm Bauchkrebs diagnostiziert und seine Konzerte wurden abgesagt. An seiner Beerdigung nahmen Millionen Menschen im ganzen Iran teil. Die Straßen waren voll, der Verkehr in Teheran und anderen Städten brach zusammen.

Dieses Phänomen veranlasste einen Ayatollah gestern zu folgender Aussage: „Was haben wir in den letzten 26 Jahren gemacht, dass wenn ein Geistlicher aus unseren Kreisen stirbt, die Menschen Witze machen und sich freuen, während bei einem 30-jährigen jungen Menschen, der sich in einem islamischen System unislamisch verhalten hat (er meint, Popmusik und Singen überhaupt sei unislamisch) Millionen Menschen sehr höflich zu seiner Beerdigung auf die Straße kommen und dem iranischen Geheimdienst und der Polizei einen unkontrollierbaren und schweren Tag bescheren. … Wir müssen uns schämen …

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Iran: Tod eines Popstars


Die ersten Menschen versammeln sich vor dem Krankenhaus nach dem Tod von Mortesa Pascha‘i

Vergangene Woche ist der iranische Popmusiker Mortesa Pascha‘i im Alter von 30 Jahren an Bauchkrebs gestorben. Es war kein verbotener Sänger, auch im staatlichen Fernsehen durfte er mitunter auftreten, auch wenn das Regime generell nicht viel von Popmusik hält. Seine Lieder waren eher traurig, aber sehr beliebt.


Der Sarg kommt in den Menschenmassen nicht mehr weiter, junge Gesichter, sie machen Handyfotos

Das führte dazu, dass schon kurz nach Bekanntwerden seines Todes in Teheran, Maschhad, Qaswin, Schiras, Isfahan, Hamedan, Kermanschah, Ahwas, Sandschan, Yasd und Semnan sowie in vielen kleineren Städten Menschen mit Kerzen auf die Straßen gingen und einige seiner Lieder sangen. Im Gegensatz zu dem, was sonst bei Trauerfeiern üblich ist, klatschten sie mancherorts dabei auch in die Hände. An manchen Orten reagierte die Polizei verständnisvoll und ließ die Menge gewähren, an anderen, wie Maschhad, schritt sie ein und verhaftete eine Anzahl von Trauernden.


Keine Kundgebung – alles Trauernde!

Es waren so viele Menschen auf die Straßen gekommen, dass am jeweiligen Ort der Verkehr zum Erliegen kam. Klar ist, dass nicht das Regime hierzu aufgerufen hatte. Auch die Angehörigen des Verstorbenen hatten die Bevölkerung per Radio aufgerufen, nach Hause zu gehen und keine Parolen zu rufen.


Poster, von Hand ausgedruckt

Woher kamen die Menschen dann? Nun – Internet und SMS sind im Iran schon so stark vertreten, dass der Informationsfluss auf diesem Weg nicht mehr in der Hand der Regierung liegt, das einzige, was sie tun kann, ist die Geschwindigkeit des Internets herabzusetzen. Auffällig war auch, dass die Menschen überall Fotos von Mortesa Pascha‘i in der Hand hielten. Auch dies ein Zeichen, dass genügend Menschen zu Hause einen kleinen Drucker besitzen, so dass keine staatlich kontrollierte Drucker das unterbinden kann.

Es kam so weit, dass der Tote in der Nacht begraben wurde, weil der Totenzug sonst gar nicht auf der Straße vorangekommen wäre.
Die Staatsanwaltschaft von Qaswin und andere Machtorgane sprachen natürlich gleich davon, dass diese Trauerfeiern vom bösen Ausland angezettelt worden seien.


Beerdigung bei Nacht

Aber Faktum ist, dass der Staat wie auch die Opposition im Inland und Ausland von diesem Ausmaß an Sympathie für den Sänger überrascht waren.
Viele Zeitungen im Iran schrieben, dass dieses spontane Auftreten der Menschenmengen nicht nur überraschend war, sondern auch einen Grund zum Nachdenken bietet.
In „Tabnak“ erschien am 16. November 2014 ein interessanter Artikel unter dem Titel „Ramzgosha‘i-ye ruznameha az tawajjoh-e bi-sabeqe-ye jame°e be dar-gozasht-e xanande-ye jawan“ („Die Zeitungen lüften das Geheimnis der unvergleichlichen Anteilnahme der Gesellschaft am Tod eines jungen Sängers“).

Wir kennen unser Volk nicht
Tabnak weist darauf hin, dass diese spontanen Kundgebungen sowohl für die „Elite“ (gemeint sind die Machthaber) wie auch für die politischen Parteien völlig überraschend kamen. Überraschend, weil sie das Volk nicht mehr kennen. Ihre Ideen und Vorbilder haben sich weit von dem entfernt, was die heutige Generation beschäftigt. So ist es kein Wunder, dass auch viele der Trauernden unter 30 waren. Ohne Namen zu nennen, schreibt Tabnak, dass diese Generation nichts mehr mit den Gedanken der Ajatollahs am Hut hat, aber auch die traditionellen Parteien, die Monarchisten, die Kommunisten u.s.w. prägen ihr Denken nicht mehr. Diese Generation ist sich selbst Vorbild. Mortesa Pascha‘i war einer der Ihren. Die Reaktion auf seinen Tod war keine Kundgebung, es geht nicht um den Sturz irgendeines Regimes, Mortesa Pascha‘i war ein Sänger, der ihre Gefühle angesprochen hat. Und diese Gefühle haben sie jetzt auf die Straße getragen.


Es gibt einen, der nicht mehr ist…

Die verbrannte Generation
Nasle suxte – Die verbrannte Generation, so nennt Tabnak diese Jugend, die in ihren besten Jahren die vollen Schläge der Wirtschaftskrise, die kulturelle Enge, die sozialen Probleme durchmachen muss und sich mit Zähnen und Klauen wehren muss, um am Leben zu bleiben. Die Elite hat sie bislang schlicht und einfach ignoriert. Jetzt ist sie aus dem Staub aufgetaucht, unter dem sie begraben war. Auferstanden von den Toten.

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Graffiti in Teheran


Ein Graffiti gegen die Säureanschläge auf Frauen


Ein Graffiti mit den Frauen in Kobane als Motiv


Drogensucht

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Iran: Ein Film, der dem Minister nicht gefällt


Szene aus dem Film „Ich bin nicht wütend“

Resa Darmischian hat einen Film unter dem Titel „Assabani nistam“ (Ich bin nicht wütend) gedreht, der vom Aufbegehren der Studenten im Jahr 2009 handelt. Es geht um einen kurdischen Studenten, der wegen seiner politischen Aktivitäten vom staatlichen Spitzeldienst „Sternchen“ bekommt, keineswegs eine Belohnung, denn wer zuviel davon hat, wird aus dem Studium geworfen.
So ergeht es auch dem Kurden. Die Geschichte geht weiter, er verliebt sich in eine junge Frau und so weiter. Der Film wurde mit staatlicher Erlaubnis gedreht, und damit er gezeigt werden darf, musste der Regisseur mehrmals diverse Szenen retouschieren. Sogar ein Parlamentsausschuss beschäftigte sich mit dem Film und kam zum Schluss, dass man ihn jetzt zeigen kann.
Nicht so der Minister für Kultur und religiöse Aufklärung (ein gar nicht so harmloses Ministerium – ein Protest gegen dessen Auftritt auf der Mustermesse in Basel hat dem Verfasser einmal einige Stunden Arrest auf der Polizeiwache eingebracht).
Dieser Minister also findet, man sollte den Film nicht zeigen – das war’s dann.

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Iran: Das schiitische Theater geht wieder los


Weiß jemand, warum sich diese Herren ständig an die Brust schlagen?
Klar, um nachzufühlen, ob die Brieftasche noch da steckt!


Und warum verdecken die beiden Herren hier die Augen?
Damit niemand merkt, dass sie sich das Lachen nicht verkneifen können – wie naiv die Zuhörer doch sind.

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Afghanistan: Fest für Moulana Rumi in Kabul

In der vergangenen Woche fand in Kabul eine Feier für den bekannten islamischen Dichter und Mystiker Moulana Rumi statt, die auch mit Gesang und Tanz begangen wurde. Dass das in einem Land möglich ist, in dem die Taliban schon so lange Macht ausüben, ist beachtlich.
Hier einige Bilder von der Veranstaltung, die so in Teheran nicht möglich wäre.


(beide Fotos wurden vom BBC veröffentlicht, der die Rechte an diesen Bildern besitzt)

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Hassan Rouhani in der Höhle des Löwen

Am Sonntag, den 07. September 2014, sprach der iranische Präsident Hassan Rouhani in Maschhad, einem religiösen Zentrum des Irans.
Die Nachrichtenagentur IRNA berichtete, was er dort vor ausgewähltem Publikum – Studenten, Dozenten, Schriftstellern und anderen Vertretern intellektueller Berufe – äußerte.
So manches mag unsereins sehr pauschal und wenig konkret vorkommen, aber wer in der iranischen Gesellschaft lebt und die Gegenseite täglich in Wort und Bild vorgeführt bekommt, spürt den Kontrast.

Kampf gegen die Korruption
Gegen die Korruption wollte auch schon Ahmadineschad kämpfen. Man erinnert sich an seine Ausfälle gegen Rafsandschani, der zu den Reichen des Landes gehört. Nun zu den Worten von Hassan Rouhani:
„Die elfte Regierung (AdÜ: also seine Regierung) wird sich vor niemandem und vor keiner Macht fürchten, wenn es um die Bekämpfung der Korruption und den Fortschritt des Landes geht.“ (AdÜ: seine Gegner verstehen, wer mit keiner Macht gemeint ist, und die Zuhörer auch: zum Beispiel die Pasdaran, oder die Leute um Modschtaba Chamene‘i, den Sohn des Religiösen Führers)
Rouhani fuhr fort: „Mit Einheit, Disziplin, Beharrlichkeit und Eifer werden wir die Schwierigkeiten überwinden, und zur Lösung der Probleme dieses Landes, einschließlich der Korruption, gibt es keinen besseren Schlüssel als Wissenschaft und Technik.“
(AdÜ: eine Breitseite gegen die Ajatollahs und ihr Fußvolk, und das an dem Ort, wo das Grab des achten Imams, von Imam Resa, liegt. Die Zuhörenden haben den Kontrast im Ohr. Denn bei der Geistlichkeit ist die Lösung von allen Problemen der Koran. Gehet hin und betet, kommt auch den Konsumenten von Bibelpredigern vertraut vor. Kein Wunder, dass eben diese Geistlichkeit sich jetzt anschickt, Hassan Rouhani als Ketzer zu verteufeln).

Gute Noten mit Vitamin B
Angesichts des anwesenden Publikums geht Rouhani ausführlicher auf die Korruption im Hochschulwesen ein. Auch im Iran gehöre es zum guten Ton für solche, die an der Hochschule Karriere machen wollen, durch eine beeindruckende Liste von Publikationen zu brillieren, wie Rouhani nicht ohne Ironie anmerkt. Aber das ist nicht das Ziel seiner Kritik. Er stellt die Frage, wie es sein könne, dass jemand der Professor werden will oder jemand, der Lehrer werden will, sich diese Titel mit Betrug erschleicht; und dann noch Druck auf die Regierung ausübt, wenn man ihm dabei Schwierigkeiten macht. Diese Leute sollen die nächste Generation von Schülern und Studenten ausbilden, die das Land aus der Krise retten sollen? fragt Rouhani zu Recht.

Ihr habt die Waffen, wir das Volk
Rouhani fährt fort, indem er die imaginäre Frage eines Zuhörers beantwortet, wieso die Regierung denn keine Angst habe, dass man ihre Handlungsfähigkeit blockieren könne. Er sagt, diejenigen, die drohen, wüssten nur zu gut, dass das intelligente, aufgeweckte Volk hinter der Regierung stehe, und so lange könnten sie nichts gegen die Regierung ausrichten.

Korruption beseitigt man nicht mit Parolen

Rouhani weist auch darauf hin, dass man einen durchdachten Plan zur Beseitigung der Korruption benötigt: „Korruption beseitigt man nicht mit Parolen, wenn wir nur rumschreien, ein Gericht aufstellen und ein paar Leute verhaften, ändern wir gar nichts. Die Bekämpfung der Korruption muss auf wissenschaftlicher Basis erfolgen.“

Korruption geteilt durch 30
Dann geht Rouhani dazu über, Beispiele aus der alltäglichen Lebenserfahrung der IranerInnen zu zitieren, die zwar allen vertraut sind, aber keineswegs in den staatlich kontrollierten Medien so konkret thematisiert werden. Er sagt: „Wenn ich eine Genehmigung für den Bau eines Hauses, einer Fabrik oder den Import einer Ware benötige, ist es besser, wenn ich mich nur an eine zuständige Person wenden muss und nicht an 30. Wenn ich es mit einer Person zu tun habe und – Gott verhüte es – Bestechungsgeld geben muss, dann ist es besser, es nur einmal tun zu müssen und nicht 30 mal. Dadurch wird die Korruption zumindest auf ein Dreißigstel verringert.“ Das klingt ein wenig nach Milchmädchenrechnung, aber ein aufgeblähter, schlecht bezahlter Verwaltungsapparat ist in einem korrupten System sicher auch für die Benutzer teurer als ein schlanker Apparat. Die entscheidende Frage wird freilich nicht gestellt: Wer hat die Macht, die 29 zu entlassen? Die sind schließlich mit der Hilfe von Seilschaften dorthin gekommen, und diese Seilschaften halten zusammen.

Wissenschaft als Weg in den Himmel?
Im weiteren kommt Rouhani auf das Thema der Motivation der Lernenden zu sprechen. Unter den Geistlichen ist es üblich – und da hat er Recht – zu sagen, dass das Lernen eine gute Tat ist, die einem später angerechnet wird, wenn man tot ist, sozusagen ein Guthaben fürs Paradies. Die iranische Gesellschaft scheint heute mit solchen jenseitigen Begründungen nicht mehr zu funktionieren, und so setzt Rouhani dieser Argumentation entgegen. Es gehe nicht darum, dass Lernen eine gute Tat fürs Jenseits ist, sondern darum, dass man mit dem Gelernten die Gesellschaft voranbringen kann, den Menschen in der Not Hoffnung geben kann. Das muss heute das Ziel des Lernens sein.

Absage an den Sittenterror
Ein besonders heikles Thema, das seit Jahrzehnten von den iranischen Machthabern gepflegt wird, indem sie Millionen von Frauen in ein Gefängnis aus schwarzen Tüchern stecken, spricht der Präsident ebenfalls an:
„Bringen wir den Frauen die Keuschheit mit dem Polizeiwagen bei?“
„Wir glauben, dass für die Erhöhung des gesellschaftlichen Niveaus Polizeiwagen, Sittenwächter und Soldaten vonnöten sind. Aber damit baut man keine Kultur auf.“ (Mit „wir“ meint er die Geistlichkeit, der er ja auch angehört.)
Bei diesen Worten ertönte heftiges Beifallklatschen unter den Anwesenden.

Bürgersteige mit Mauern – eine Hälfte für Männer, eine für Frauen
Hassan Rouhani zitiert dann aus seinen Erinnerungen an die Anfangszeit der Revolution (von 1979): „In einer Zeit zu Beginn der Revolution hat einer der hohen Herren (gemeint ist ein Ajatollah) gesagt, dass die Bürgersteige ein großes Problem darstellten. Ich fragte ihn: Wieso? Er sagte: Weil Mann und Frau gemeinsam auf ein und demselben Bürgersteig laufen. Die einzige Lösung ist eine Mauer, die müssen wir zwischen den beiden hochziehen. Ich meinte: Aber dann sollte die Mauer wenigstens niedrig sein, damit wir unsere eigene Familie wiederfinden. – Ist das denn die Lösung des Problems? fragt der Präsident ans Publikum gewandt.

Wir müssen die Jugend überzeugen
Bezüglich des „Sittenkampfes“ vertritt der Präsident die Position, man müsse die Jugendlichen aufklären, mit Verboten und technischen Hürden könne man heutzusage nichts mehr erreichen: „Bei Gott! In unserem Zeitalter und in unserer Welt, gibt es nur einen Weg – die Jugend zu überzeugen. Wir können hier nicht mit Gewalt auftreten und alles schließen. Das klappt nicht. Zwei Dinge haben wir immer geglaubt: Mauern und Filter – damit lösen wir alle Probleme. (Beifall) Also, Sie gehen hin und bauen Filter (ins Internet) ein – und die gehen hin und bauen Filterknacker ein. (Beifall)
Nichts wird gelöst. Denn wenn die Probleme sich damit lösen ließen, dann wären sie es schon längst.“

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