Archiv der Kategorie 'Protest'

Iran: Wem die Stunde schlägt

Die Protestwelle zum Jahreswechsel 2017/2018 – im iranischen Bewusstsein ist es freilich noch das alte Jahr 1396, das nächste Jahr beginnt erst mit dem Frühling – diese Protestwelle ist scheinbar abgeflaut. Doch der Schein trügt.

eslah-talab, ossul-gera, digar tamam ast majara (eine der gerufenen Parolen)
Reformist, Fundamentalist – Schluss damit!

Die Protestwelle, die vielleicht von einer halben Million Menschen im ganzen Iran, in großen wie in kleinen Städten von Balutschistan bis Aserbaidschan, von Ahwas bis Maschhad, in die Straßen getragen wurde, hat ihre Bedeutung nicht durch die Zahl der Teilnehmer. Da hat der Iran schon viel größeres in den letzten zehn Jahren erlebt. Diese Protestwelle war nicht organisiert – keine Partei, keine Gewerkschaft, keine Studentenorganisation, kein Verein stand dahinter. Man stelle sich vor, in Deutschland mit der gleichen Einwohnerzahl, kämen eine halbe Million Menschen auf die Straße, spontan, ohne Organisation. Geradezu unvorstellbar. Hinzu kommt, dass die Leute, die protestiert haben, wissen, mit wem sie zu tun haben. Die iranischen Machthaber üben sich seit Jahrzehnten – seit der Existenz der Islamischen Republik – in alle Techniken der Unterdrückung. Vom Lügen und Verleumden bis zum Gefängnis, zur Folter und Hinrichtung.


Strassenproteste Ende Dezember / Anfang Januar im Iran

Was die Herrschenden eint
Diesmal waren die Parolen, die gerufen wurden, von ganz anderer Qualität. Es ging nicht mehr um die Forderungen der Reformisten, der ehemalige Präsidentschaftskandidat Mirhossein Mussawi und sein andauernder Hausarrest waren nicht mehr Thema. Es ist schwer, zu belegen, was die Menschen nicht gerufen und gefordert haben, da müsste man ja von allen Demonstrationen Zeugen haben. Aber es gibt solche Zeugen – wenn auch mit eigenen Interessen. Wie schon zu Beginn der Proteste behauptet wurde, startete das ganze eigentlich als inszenierter Protest der Fundamentalisten im religiösen Zentrum Maschhad im Osten des Landes.


Vorsitzender der Handleskammer: „Bald stirbt die Produktion.“

Ajatollah vor dem Sicherheitsrat
Der Freitagsprediger von Maschhad, Ajatollah Alam ol-Hoda, und Ebrahim Ra‘issi, ehemaliger Präsidentschaftskandidat der Fundamentalisten und einflussreicher Vorsitzender der Astane-Qods-Rasawi-Stiftung, eines der reichsten Unternehmen des Irans hatten demnach einen bescheidenen Protest von ein paar Dutzend Leuten in Maschhad organisiert, die gegen die Inflation im Iran protestieren sollten. Ziel war es, damit den amtierenden Staatspräsidenten Hassan Rouhani zu diskreditieren. Der Protest fand statt, aber Hunderte andere Menschen fanden dies eine gute Tribüne, um ihre Forderungen an die Öffentlichkeit zu tragen. Und diese Forderungen kamen in folgenden Parolen zum Ausdruck:

Eslamo pelle kardid, mardomo dhelle kardid
Ihr habt den Islam zu einer Treppe (zur Macht) gemacht und das Volk in die Armut gestoßen.

Oder:

yek extelas kam beshe, moshkele ma hall mishe.
Wenn es eine Veruntreuung weniger gäbe, wären unsere Probleme gelöst. (Sprich die Machthaber stecken so viel Geld in die eigenen Taschen, dass damit sämtliche Lohnforderungen gedeckt werden könnten).

Und rasch breiteten sich die Demonstrationen aus. Damals sprach der iranische Innenminister warnend, dass diejenigen, die das Volk auf die Straße gebracht hätten, nachher nicht mehr imstande seien, es wieder von der Straße zu holen.
Es wurde eilig eine Sondersitzung des Iranischen Nationalen Sicherheitsrats einberufen, zu der Ajatollah Alam ol-Hoda und Ebrahim Ra‘issi vorgeladen wurden. Sie mussten für ihr Vorgehen Rede und Antwort stehen. Natürlich sind solche Sitzungen geheim, aber in Paris ist ein Angehöriger der iranischen Elite Ruhollah Sam (Roohollah Zam) ansässig, dessen Vater im Iran Ajatollah war. Ruhollah Sam hat sich mit seinem Vermögen aus dem Staub gemacht und damit ein eigenes Fernsehen gegründet, das über Internet erreichbar ist (Bayan, Sadoi Mardom …). Dieser Herr hat gute Drähte in die Etagen der Macht, auch zu den iranischen Geheimdiensten, und auf diesem Weg sind Einzelheiten aus der besagten Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats bekannt geworden.

Große Koalition
Egal ob Reformisten, Fundamentalisten oder die Anhänger von Ex-Präsident Mahmud Ahmadineschad, der sich sonst gern mit den Großen anlegt – den Laridschani-Brüdern oder früher mit Rafsandschani, alle stellten sich vereint gegen die Demonstranten. Das höchste der Gefühle war noch, dass Leute wie Hassan Rouhani einem Teil der Demonstrierenden zugestanden, aus berechtigten Gründen auf die Straße gegangen zu sein. Der Haupttenor der Machthaber lautete freilich: Die sind vom Ausland aufgehetzt und gesteuert, das ist keine eigenständige Bewegung. Aber auch diese Leute wissen, dass sie lügen, und sie werden sich Gedanken machen, wie sie aus der Sackgasse heraus kommen.


Stillgelegte Fabrik im Iran: „Ein wirtschaftlicher Tsnumai wird kommen.“

Kein Ausweg für die Machthaber
Aber es gibt keinen Ausweg. Die Machthaber konnten vor den Sanktionen ihr Regime mit den Erdöleinnahmen finanzieren. Diese schrumpften während der Sanktionen, aber auch jetzt nach deren Ende, steigen die Einnahmen kaum. Einmal bleibt der Erdölpreis weit unten – nicht zuletzt dank der Förderpolitik von Saudiarabien und der Vereinigten Arabischen Emirate, zum anderen sind zwar Investitionen in den Erdölsektor zur Modernisierung angekündigt, aber die ausländischen Firmen, die mitmachen, brauchen Zeit. Und schließlich sind die Erdöleinnahmen unter der Kontrolle der Pasdaran, unabhängig davon, dass der Export über angeblich staatliche Firmen verläuft. Firmen, die unter der Kontrolle der Pasdar-Generäle stehen, sind vor Steuerkontrollen immun, da gibt es keine korrekte Buchhaltung und folglich auch keine korrekten Zahlen. Andere Quellen, so etwas wie Umsatzsteuer, hat der Iran kaum, weil der Staat wiederum gegen die Interessen der Basarhändler und der Elite verstoßen müsste, um die Steuer durchzusetzen. Lohnsteuer nützt nichts, wenn es keine Arbeit gibt und die Löhne nicht oder nur in Bruchteilen ausgezahlt werden. Das iranische Budget ist kleiner als das von Polen, obwohl Polen nicht einmal die Hälfte der iranischen Einwohnerschaft hat. Kein Unternehmer, kein inländischer und kein ausländischer, wird im Iran investieren, solange es keine Rechtssicherheit gibt und keine Sicherheit vor feindlicher Übernahme durch die Pasdaran.

Kein Ausweg für die Bevölkerung
Auf der Gegenseite steht die große Mehrheit der iranischen Bevölkerung. Die Produktion im Land steht still oder ist nur zu Bruchteilen der Kapazität ausgelastet. Die Firmendirektoren sind keine Unternehmer, sondern Raubritter, die den Posten dank ihrer Beziehungen zu den bewaffneten Organen ergattert haben. Die Landwirtschaft wird durch Billigimporte aus Pakistan oder Indien kaputt gemacht. Die Textilindustrie und viele andere Industriezweige leiden unter den Billigimporten aus der Volksrepublik China. 90 Prozent der iranischen Importe erfolgen in der Form von Schmuggel, das heißt auf den Kanälen der Pasdaran. Auch hier hat der Staat keine Einnahmen. Für die Bevölkerung heißt das: Keine Arbeit, keine Sicherheit. Kein Geld für erwachsene Kinder, um aus der Wohnung auszuziehen und eine eigene Familie zu gründen. Studium ja, aber ohne Aussicht auf Anstellung. Jobs als Tagelöhner. Und um den Lohn wird man dann noch betrogen. Das sind die tagtäglichen Erfahrungen, die jetzt auch in Interviews mit Einheimischen, Männern wie Frauen, zur Sprache kommen. Ein Gewerkschafter der Zuckerrohrfabrik von Haft-Tape hat jetzt gedroht, wenn die Lohnforderungen weiterhin nicht erfüllt werden, würden sie das Managment der Firma übernehmen, sie wüssten, wie man die Arbeit organisiert. Und eine erzürnte Frau berichtet von der Misere, in der die ganzen Familien durch die grassierende Armut gestürzt werden. Familiengründung unmöglich. Ein Vertreter der nicht-staatlichen Lehrergewerkschaft erklärt öffentlich in einem Interview, dass alle Diktatoren ihre Herrschaft auf Angst gründeten, und diese Angst habe die Bevölkerung jetzt verloren. Das sagt er direkt zu einem imaginären Ajatollah Chamene‘i, dem religiösen Führer.

zendane evin daneshju mi pazirad
Das Ewin-Gefängnis nimmt noch Studenten auf.


Graffities im Iran „Marg bar Chamene‘i“

Marg bar rouhani, marg bar diktatur
Tod für Rouhani, Tod für den Diktator! (mit letzterem ist Ajatollah Chamene‘i gemeint)

Jomhuriye eslami, nemixahim, nemixahim
Islamische Republik, wir wollen keine, wir wollen keine!

Marg bar hezbollah
Tod der Hisbollah!

Seyyed Ali hayya kon, mamlekato raha kon
Seyyed Ali (Chamene‘i) schäm dich, verlasse das Land!

Aqa xoda‘i mikone, mellat geda‘i mikone
Der Herr (=Chamene‘i) spielt den Lieben Gott, das Volk geht betteln.

xamene‘i qatele, welayatash batele
Chamene‘i ist ein Mörder, seine Herrschaft ist illegal.

in rezhim raftaniye, haqiqat goftaniye
Dieses Regime muss gehen, die Wahrheit muss gesagt werden.

larijani hayya kon, qezawato raha kon
Laridschani (Oberhaupt der Justiz) schäme dich, gib die Justiz ab!

basiji borou gom shou.
Bassidschi, geh und verschwinde!

mi mirim, mi mirim, iran-ro pas migirim
Wir sterben, wir sterben, aber den Iran holen wir uns zurück.

Gerade, weil diese Proteste nicht organisiert waren, geben sie wieder, was die meisten denken. Das Regime ist vorbei. Die nächste Phase ist ein Zusammenbruch des Systems. Daran ändern auch die Verhaftungen und Folterungen nichts. Die Menschen haben keinen Ausweg. Das haben sie erkannt. Und das ist das Ende der Islamischen Republik.
Hoffen wir, dass sie danach etwas besseres aufbauen können.

https://www.rferl.org/a/iran-exile-telegram-channel-roohollah-zam-bring-down-government/28957053.html
vom 5. Januar 2018
Controversial Exile Using Social Media To Try To Bring Down Iranian Government

http://www.rahekargar.net/articles_2018/2018-01-09_24_amir-shoar1.pdf

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Iran: Zunahme der Todesfälle bei Politischen Gefangenen

Die iranische Parlamentsabgeordnete Parwane Salahschuri hat öffentlich erklärt, dass jeden Tag der Name eines weiteren Gefangenen bekannt wird, der oder die im Iran im Gefängnis ums Leben gekommen ist. Sie brachte die Besorgnis der Parlamentarier über die Haftbedingungen zum Ausdruck und wies darauf hin, dass die Gefängnisbehörde für das Leben der Gefangenen verantwortlich sei. Sie berichtete, dass die Abgeordneten versuchten, die Gefängnisse zu besuchen und die Gefangenen zu sehen. Der stellvertretende Geheimdienstminister und der Parlamentspräsident hätten sich positiv zu diesem Vorhaben geäußert. Sie bedauerte, dass es keine amtlichen Statistiken über die Zahl der Todesfälle gibt, es werden lediglich zwei angebliche Selbstmorde eingeräumt, während Menschenrechtsorganisationen schon von fünf Gefangenen sprechen.

https://www.radiofarda.com/a/iran_parvaneh_salahshoori_prisons_killed_prisoners/28976770.html
vom 25. Dey 1396 (15. Januar 2018)
negaraniye nemayandegan az te°dade koshte shodegan: sazemane zendanha mas‘ule jane zendaniyan ast

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Iran: Todesfälle in Haft – Parlamentarier fordern Aufklärung

Mahmud Sadeqi, iranischer Parlamentsabgeordneter für Teheran, hat am Sonntag bekannt gegeben, dass mehr als 40 Abgeordnete des iranischen Parlaments einen Brief an den Parlamentspräsidenten Ali Laridschani unterschrieben haben. In dem Brief fordern die Abgeordneten die Bildung einer unabhängigen Gruppe zur Aufklärung der jüngsten Todesfälle in den iranischen Gefängnissen. Bei den Opfern handelt es sich um Personen, die im Rahmen der jüngsten Proteste verhaftet wurden. In diesem Schreiben wird die amtliche Version in Frage gestellt, wonach die Gefangenen Selbstmord begangen hätten. Von den Angehörigen war in einigen Fällen zu erfahren, dass die Leichen blaue Flecken aufwiesen.

https://www.radiofarda.com/a/iran_mahmoud_sadeghi_letter_ali_larijani_saro_ghahremani/28974621.html
vom 24. Dey 1396 (14. Januar 2018)
40 nemayandeye majles xastare barresiye °elale marge te°dadi az bazdashtshodegan shodand

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Iran: Todesfälle in Gefängnissen müssen untersucht werden

In einer jüngsten Erklärung weist Amnesty International auf die katastrophale Lage in den iranischen Gefängnissen hin.
Mindestens fünf Personen sind Berichten zufolge nach der Niederschlagung regierungskritischer Proteste im Iran in Gewahrsam der Sicherheitskräfte gestorben. Amnesty International fordert die iranischen Behörden auf, die Todesfälle unverzüglich zu untersuchen. Ausserdem müssten die notwendigen Massnahmen ergriffen werden, um Inhaftierte vor Folter zu schützen und weitere Tote zu verhindern.
Weitere Einzelheiten siehe:

https://www.amnesty.ch/de/laender/naher-osten-nordafrika/iran/dok/2018/todesfaelle-in-gewahrsam
15. Januar 2018

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Iran: Die Wurzeln des Aufstands

Der Pressesprecher des iranischen Innenministers, im vorliegenden Bericht als Herr „Samani“ bezeichnet, hat am Vortag auf einer Pressekonferenz vor inländischen Journalisten einige Angaben zur sozialen Zusammensetzung der Protestbewegung der letzten Woche gemacht.
Demnach ist die Zahl der Studenten unter den Teilnehmern sehr gering, die meisten haben einen Schulabschluss, der unter dem iranischen Abitur liegt.

Aus der inneriranischen Region Kerman liegen noch nähere Angaben zu den Demonstranten vor. Chalil Hama‘irad, der Sprecher des Rats für Versorgungsfragen der Region Kerman, hat zu den Verhafteten in dieser Region folgendes erklärt: Die Geheimdienstbehörde der Region gibt an, dass 83 Prozent der Inhaftierten zwischen 16 und 30 Jahren alt sind. Die Zahl der Verhafteten wird allerdings nicht genannt. 62 Prozent der Verhafteten haben einen Abschluss unter dem Abitur oder das Abitur. Nach dieser Quelle waren nur vier Frauen unter den Inhaftierten.

http://www.tabnak.ir/fa/news/762990/…
vom 19. Dey 1396 (9. Januar 2018)
Nachricht Nr. 762990
daste-bandiye °ajibe bazdashtihaye kerman

http://www.pyknet.net/1396/03dey/19/page/motor.php
vom 19. Dey 1396 (9. Januar 2018)
konferanse xabariye soxanguye wezarate keshwar: kodam aqshare ejtema°i motore shureshe hafteye gozashte budand?

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Iran: 3700 Gefangene nach den Protesten

Wie der iranische Parlamentsabgeordnete Mahmud Sadeqi bekannt gegeben hat, sind derzeit laut amtlichen Statistiken 3700 Menschen im Iran in Haft, die aufgrund der jüngsten Demonstrationen festgenommen wurden. Es wird auch von der verbreiteten Anwendung von Folter gegen die Verhafteten gesprochen.
http://www.akhbar-rooz.com/article.jsp?essayId=84154
vom 19. Dey 1396 (9. Januar 2018)
axbare hulnak az zendanhaye eslami

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Iran: 5 Gefangene im Gefängnis gestorben

Von denjenigen, die im Zuge der jüngsten Demonstrationen im Iran verhaftet wurden, sind insgesamt 5 Personen in Haft gestorben. So erklärte die Menschenrechtlerin Nasrin Setude in einem Interview mit Radio Farda, dass in der Karantäne-Station des Ewin-Gefängnisses insgesamt 3 Menschen ums Leben gekommen seien. Die amtlichen Stellen sprechen von „Selbstmord“. Die Iranische Kampagne für Menschenrechte meldete am Dienstagmorgen darüber hinaus, dass zwei weitere Gefangene namens Wahid Haydari und Mohsen Adeli in den Gefängnissen von Arak und Desful ums Leben gekommen seien.

https://www.peykeiran.com/Content.aspx?ID=145661
vom 19. Dey 1396 (9. Januar 2018)
shomare janbaxtegane kahrizake dowom be 5 nafar resid

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Proteste im Iran: Wissen und Schein

Während der Proteste zum Jahreswechsel in zahlreichen iranischen Städten war es schwierig festzustellen, was geschah. Einfache Fragen waren nicht zu beantworten:
Wieviele Menschen nahmen in der jeweiligen Stadt an einer Kundgebung teil?
Was waren ihre Forderungen?
Welchen Altersgruppen, Berufsgruppen oder Volksgruppen gehörten sie an?
Waren Männer und Frauen gleich stark vertreten?
Sind die Meldungen über die Proteste zumindest in Bezug auf die Orte vollständig?
Sie waren aus mehreren Gründen nicht zu beantworten.
1. Inländische Medien (Zeitung, Radio, Fernsehen) im Iran können nur dann einigermaßen ungehindert berichten, wenn sie den Fundamentalisten oder den Reformisten nahestehen. Da die Proteste sich anscheinend gegen beide richteten, war eine neutrale Berichterstattung aus diesen Medien nicht zu erwarten. Totschweigen ist noch immer ein beliebtes Mittel, um Proteste unter den Tisch zu kehren.
Untergrundgruppen brauchen länger, bis sie ihre Aktivisten vor Ort erreicht haben und von denen Näheres erfahren.
2. Neue Medien, Weblogger und Nachrichtenaustausch über Whatsapp, Telegram und andere Netze spiegeln eher die Vielfalt der Meinungen wieder, es ist aber schwierig festzustellen, was davon auch die Meinung anderer widerspiegelt und was rein persönlich ist.
3. Stellen wir uns eine konkrete Kundgebung vor: In Sanandadsch gehen Menschen auf die Straße, eine Jugendliche hat ihr Handy dabei und nimmt ein kurzes Video auf, das sie später ins Internet setzt. Wir finden das Video und hören die Parolen, die gerufen werden.
Frage: Was wird die Jugendliche aufgenommen haben – Szenen und Rufe, die ihre Meinung wiedergeben?
Parolen, die aus dem üblichen herausragen und deshalb besonders auffällig sind?
Einen Querschnitt von allem, was sie in ihrem kleinen Ausschnitt des Geschehens beobachten konnte?
Wir sehen nur das Video, wissen nicht, wer es aufgenommen hat, und können folglich nicht feststellen, welche Kriterien diese Person bei der Auswahl hatte.
Multiplizieren wir das nun mal Hundert, wird die Zahl der Videos größer, die Ungewissheit aber nicht geringer.
Aus diesem Grund ist es zwar richtig, wenn man darauf hinweist, dass sich diesmal viele aufgenommenen Parolen gegen das islamistische System richteten, aber das sagt nichts darüber aus, was die Auffassungen der Mehrheit der Protestierenden sind. Interpretationen, die auch wir auf unserer Webseite veröffentlicht haben, stehen also auf recht schwankendem Boden.
Das sollte uns allen bewusst sein.

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Iran: Das böse Ausland

Sa°id Montaser al-Mahdi, der Sprecher der Sicherheitsorgane der Islamischen Republik Iran, erklärte am Sonntag, den 7. Januar 2018, dass bei den jüngsten Demonstrationen im Iran 20 Menschen ums Leben gekommen seien, darunter auch ein Polizist. Andere Quellen sprechen von 22 Toten. Der Sprecher nannte keine Zahlen über die Höhe der Verhaftungen und Freilassungen. Es wird derzeit von 2000 Verhaftungen im Iran gesprochen.



Die üblichen Verdächtigen

Die Revolutionswächter (Pasdaran) machten die USA, Großbritannien, Israel, die Volksmudschahedin und die Monarchisten für die Demonstrationen in über 100 Städten im Iran verantwortlich. Diese Behauptung ist reichlich lächerlich. Bekanntlich sind Geheimdienste aller Welt Spezialisten in der Irreführung der Öffentlichkeit. Einem Geheimdienst wie dem CIA kann man vieles vorwerfen, aber im Umgang mit den Medien kennen sie sich aus. Wer wäre so dumm, einen Aufstand in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr anzuzetteln? Da sind die Parlamentarier zu Hause, die staatlichen Verwaltungen großenteils in Urlaub, die Medien und die Öffentlichkeit auf Weihnachtsgebimmel und Silvesterraketen eingestimmt. Keine Stratege würde da einen Aufstand anzetteln, weil dann das Echo fehlt, das für das Hochschaukeln so einer Bewegung notwendig ist.

Ein knappes Geständnis

In ihrer kurzen Erklärung gaben die Pasdaran auch bekannt, dass mehrere 10.000 Bassidschis (eine Miliz, die direkt den Pasdaran untersteht) gegen die Demonstranten eingesetzt worden seien. Bislang hatten die Pasdaran nur bekannt gegeben, dass sie in den Regionen Kermanschah, Lurestan und Hamedan gegen die Protestierenden in Aktion getreten seien.

http://news.gooya.com/2018/01/post-10877.php
vom 8.1.2018
edameye e°terazat dar iran bar xalafe edda°ye xatme qa‘ele

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Iran: Inhaftierter Jugendlicher im Gefängnis gestorben

Sina Qanbari, einer der jugendlichen Verhafteten der jüngsten Protestwelle im Iran, ist im Ewin-Gefängnis in Teheran ums Leben gekommen. Der Teheraner Parlamentsabgeordnete Mahmud Sadeqi bestätigte am Montag, den 8.1.2018, dieses Gerücht unter Berufung auf eine Geheimdienstquelle. Angeblich habe der 23-Jährige (an anderer Stelle des Textes wird sein Alter mit 22 Jahren angegeben) im Gefängnis Selbstmord verübt. Der Abgeordnete Sadeqi forderte die verantwortlichen Stellen auf, ein zweites Kahrisak zu verhindern. Kahrisak war der Ort, wo mehrere Gefangene nach den Verhaftungen vom Juni 2009 zu Tode gefoltert wurden. Selbstmord in Haft kann ein Indiz für erlittene Folterungen sein. Es kann auch eine vorgeschobene Behauptung sein, um die tatsächlichen Todesursachen zu vertuschen.
Mostafa Mohebbi (mögliche Lesungen sind auch Mohabbi, Mohabba), der Generaldirektor der Gefängnisse der Region Teheran, hat gegenüber der Nachrichtenagentur ILNA erklärt, Sina Qanbari, der Sohn von Ali Akbar, habe sich am Morgen des 16. Dey 1396 (also am 6. Januar) in der Toilette der Karantäne-Station des Ewin-Gefängnisses erhängt. Da es in Gefängnissen gängige Praxis ist, den Gefangenen alle Gegenstände abzunehmen, mit denen sie Selbstmord verüben könnten, ist diese Erklärung ohne weitere Details erstmal nur als Schutzbehauptung zu werten. Eine unabhängige Justiz, die den Fall untersuchen könnte, gibt es nicht.

http://news.gooya.com/2018/01/post-10892.php
vom 8. Januar 2018
joz‘iyate taze dar bareye marge yeki az bazdashtshodegan dar zendane ewin

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Iran: 1800 Verhaftungen, darunter 90 Studenten


Auch am achten Tag der Proteste, die den gesamten Iran erfasst haben, kommt es trotz massiver Gegenwart der bewaffneten Organe weiterhin zu Demonstrationen.
Radio Farda berichtet am Freitagabend, dass im gesamten Iran mindestens 1800 Menschen in Zusammenhang mit den Protesten verhaftet wurden. Am achten Tag der Proteste kam es zu Demonstrationen in der Chiyabane Azadi (Freiheitsstraße), in der Chiyabane Wali-Asr (Wali-Asr-Straße) und an der Chahar-Rahe Touhid (Kreuzung der Vereinigung) in Teheran. Aus Borujerd (Borudscherd), Zarin-Schahr (bei Isfahan) und Kermanschah wird ebenfalls von Demonstrationen berichtet. Parwane Selahshuri, Abgeordnete für Teheran im iranischen Parlament, sagt, dass bis zum Freitag 90 Studenten und Studentinnen verhaftet wurden. Hinter diesen Verhaftungen stehe das Geheimdienstministerium. Diese Zahlen bezeugen – soweit sie zutreffen – dass der Protest diesmal nicht von den Studenten ausging und ganz andere Schichten erfasst hat. Die Verhaftung der Studenten soll wohl eher verhindern, dass die Proteste ein organisatorisches Rückgrat finden und sich in Massenproteste verwandeln. Zumindest diese konnten die Machthaber durch ihre Unterdrückungspolitik erfolgreich verhindern. Wie lange noch?

https://www.radiofarda.com/a/Iran-protests-live-coverage/28947657.html
vom 5.1.2018
pusheshe hamzamane e°terazha: bazdashte daste kam 1800 tan dar 10 ostane keshwar

https://www.radiofarda.com/a/iran-8-days-protests/28955998.html
vom 5.1.2018
hashtomin ruze e°terazat: edameye tazahorat dar tehran wa chand shahre digar

https://www.radiofarda.com/a/iran-unrest-university-students-arrested/28957090.html
vom 5.1.2018

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Iran: Übersichtskarte der Proteste. 15000 Unruhestifter.

Die iranische Webseite news.gooya hat eine Übersichtskarte von Voice of America über die Städte veröffentlicht, in denen es in den ersten fünf Tagen der anhaltenden Protestwelle zu Kundgebungen kam.

Landkarte des Irans, Übersicht der Proteste vom 28.12.2017-1.1.2018

Laut Darstellung des Oberbefehlshaber der Revolutionswächter (Pasdaran) Muhammad Ali Dscha‘fari sei die Protestwelle zum heutigen Tag (3. Januar 2018) beendet. Die Zahl der Demonstranten habe an keinem Ort 1500 Menschen überstiegen, im ganzen Land seien nicht mehr als 15.000 „Unruhestifter“ am Werk gewesen.

Was sagt Erdogans Presse zu den Ereignissen im Nachbarland Iran?
Türkische Tageszeitungen, die Erdogan nahe stehen, wie etwa Yeni Akit, drücken zwar Verständnis für die Proteste aus, und weisen darauf hin, dass im Iran 5 Millionen Studenten arbeitslos sind, aber letztlich stoßen sie ins selbe Horn wie Ajatollah Chamene‘i und die iranischen Revolutionswächter, die das Ausland für die Unruhen verantwortlich machen. Yeni Akit schreibt am 3. Januar 2018:
„Es gibt Probleme wie die Frauenrechte, den Kopftuchzwang und Arbeitslosigkeit.
Selbstverständlich ist es das natürliche Recht der Iraner, von der Regierung eine Lösung dieser Probleme zu erwarten, aber es wäre ein Fehler, die Einforderung dieser Rechte zu einer Systemfrage zu machen. Die Umwandlung dieser Volksbewegungen in einen Aufstand unter zunehmender Gewalt nützt nur den imperialistischen Staaten und ihren Verbündeten. Denn sie suchen nur eine Gelegenheit, um die Bodenschätze und Reichtümer der Region auszubeuten. Aufstände und Bürgerkriege schaffen nur eine günstige Atmosphäre, die ihnen die Ausbeutungsoperationen erleichtern. Aber auch das iranische Regime sollte nicht in die Richtung gehen, die Demonstrationen mit Gewalt niederzuschlagen. Es sollte die Tatsache berücksichtigen, dass Unterdrückung und Verbote eine Katastrophe wie in Syrien erzeugen.
Von dieser Wirklichkeit ausgehend sollten die iranischen Regierenden wie das iranische Volk sich vor den Provokationen der USA und Israels in Acht nehmen und ihnen nicht auf den Leim gehen.“

http://news.gooya.com/2018/01/post-10701.php
vom 3.1.2018

http://www.diken.com.tr/iran-devrim-muhafizlari-isyan-bitti-fitneciler-yenildi/
vom 3.1.2018

http://www.yeniakit.com.tr/yazarlar/mehmet-kocak/iranda-halk-dis-destekli-bir-isyan-istemiyor-22486.html
İran’da halk, dış destekli bir isyan istemiyor
vom 3.1.2018

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Iran: Kurdische Parteien unterstützen Straßenproteste

Laut Radio Farda haben vier kurdische Parteien im Iran die Straßenproteste in Erklärungen unterstützt. Radio Farda nennt die Demokratische Partei Kurdistans/Iran, die Komele und Pezhak namentlich, welches die vierte Partei sein soll, geht aus dem Text nicht hervor.
Die Proteste im Iran haben sich inzwischen auf über 90 Städte ausgeweitet, inzwischen sind mindestens 22 Todesopfer zu beklagen. Auch in den kurdischen Städten Kermanschah, Sanandadsch und Baniye kam es zu Straßenprotesten.
Die kurdischen Parteien werden von den iranischen Machthabern als „Terroristen“ bezeichnet, die „Pezhak“ wird auch von der USA als terroristische Organisation bezeichnet, möglicherweise als Zeichen der Unterstützung für die türkische Regierung, da die Pezhak der PKK nahe stehen soll.

https://www.radiofarda.com/a/iran-kurdish-parties-join-protests/28953033.html
vom 13. Dey 1396 (3. Januar 2018)
hemayate chahar hezbe kordestane iran az e°terazhaye xiyabani

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Iran: Über 1000 Verhaftungen in 5 Tagen

Laut amtlichen Angaben sollen bei den Protestkundgebungen der vergangenen fünf Tage in den Provinzen Teheran, Kerman, Alborz (Albors), Qazvin (Qaswin), West-Aserbaidschan, Markazi (Markasi), Chorasane Razavi (Rasawi) und Golestan über 1000 Menschen verhaftet worden sein. Allein in Teheran soll die Zahl der Verhafteten 450 Menschen betragen. In den Städten Tuyserkan, Dorud, Ize (Id_e), Schahin-Schahr und Qahdaridschan sollen im Rahmen der Proteste insgesamt 21 Menschen ums Leben gekommen sein. Insgesamt sollen in mindestens 70 Städten Straßenproteste abgehalten worden sein. Aus Hamedan wird die Festnahme von 150 Teilnehmern berichtet, die meisten sind zwischen 17 und 25 Jahren alt. Die amtliche verkündete Zahl der Verhafteten in Maschhad ist inzwischen auf 138 gestiegen. Aus Ardabil werden 40 Verhaftungen gemeldet. Laut Angaben der „Kampagne für Menschenrechte im Iran“, einer iranischen Menschenrechtsorganisation, sollen viele der Verhafteten ins Ewin-Gefängnis nach Teheran bzw. ins Gefängnis von Radscha‘i-Schahr in Karadsch verlegt worden sein. Allein im Ewin-Gefängnis soll ein Saal frei gemacht worden sein, um 200 zusätzliche Gefangene aufzunehmen. In Radscha‘i-Schahr soll Platz für 150 geschaffen worden sein.

https://www.radiofarda.com/a/f4_killing_21_arrest_more_than_1000_iran_unrest/28951463.html
vom 12. Dey 1396 (2.1.2018)
bish az hezar nafar dar e°terazhaye iran bazdasht wa daste kam 21 nafar koshte shodeand

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Iran: Proteste in zahlreichen Städten

Am Donnerstag, den 28. Dezember 2017, war es in Maschhad, im Osten des Irans, vor der Stadtverwaltung zu Protesten gegen die Inflation gekommen. Von den mehreren Hundert Demonstranten sollen 52 festgenommen worden sein. Auch in Kaschmar, Schahrud und Nischabur soll es Proteste gegen die Inflation gegeben haben. Ajatollah Ahmad Alam-al-Hoda, der Freitagsimam von Maschhad, soll erklärt haben, die Demonstration gegen die Inflation sei von einer „unbekannten Instanz“ organisiert worden. Am Freitag, den 29. Dezember, sprang der Protestfunke auch auf andere iranische Städte über. Es gab Kundgebungen gegen die Inflation in Kermanschah, Isfahan, Teheran, Ahwas, Rascht, Chorram-Abad, Qom, Zahedan (Sahedan), Birjand (Birdschand), Sari, Qayem-Schahr und Qutschan. In Kermanschah protestierte die Bevölkerung nicht nur gegen die Inflation, sondern auch gegen die mangelnde Hilfe für die Erdbebenopfer. Auch Sprüche wie: „Das Volk bettelt, während der Herr (= Ajatollah Chamene‘i) den großen Gott spielt“ wurden laut. In Kermanschah sollen mindestens 300 Menschen demonstriert haben.
Laut amtlichen Angaben wurden auch in Teheran mehrere Teilnehmer der Proteste verhaftet.
Einige studentische Webseiten sollen berichtet haben, dass in den Großstädten wie Teheran, Tabris und in Kerman ein nicht erklärter Ausnahmezustand herrsche und überall Kräfte zur Aufstandsbekämpfung im Einsatz seien.

http://news.gooya.com/2017/12/post-10570.php
vom Freitag, den 29. Dezember 2017 (8. Dey 1396)
gostareshe e°terazat be shahrhaye digare iran wa bazdashte mo°tarezin

https://www.radiofarda.com/a/kermanshah-protests/28945668.html
vom 29.12.2017 (8. Dey 1396)
tajammo°a:te e°terazi dar chandin shahre iran: bazdashte mo°tarezan dar tehran wa kermanshah

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