Archiv der Kategorie 'Traditionen und Gebräuche'

Iran: Die große Niederlage


Frauen im Tschador

Die Revolution im Iran im Jahre 1979 brachte auch die Frauen auf die Straße. Aber eine der ersten Maßnahmen von Ajatollah Chomeini war es, die Frauen zum Tragen des schwarzen Tschadors zu zwingen. Wieder protestierten die Frauen, aber erfolglos. Die Ideologie der Mollas unterschied sich nicht wesentlichen von der der katholischen Kirche: Kinder, Küche, Kirche, das sollte der Platz der Frauen sein, statt der Kirche eben die Moschee.
Aber der Krieg mit dem Irak, der Mangel an Arbeitskräften in den Fabriken, führte dazu, dass das Regime den Druck auf die Frauen lockern musste, denn sie wurden als Arbeitskräfte in der Industrie benötigt. Es musste nicht unbedingt der Tschador sein, ein Kopftuch tat es auch, wenn es nur die Haare vollständig verdeckte.
35 Jahre lang versuchte das Regime in ständig wiederholten Razzien und Kampagnen, in der Schule und in der Öffentlichkeit, die Mädchen und Frauen zu „islamischer Kleidung“ zu erziehen. Das Resultat dieser Repressalien können wir jetzt sehen.


Die Haare offen und frisiert – freie Köpfe, freie Frauen

Aschura – der zehnte Tag des schiitischen Trauermonats Moharram
Vor wenigen Tagen war der Aschura-Tag, der höchste Feiertag unter den Schiiten und für diese so wichtig wie Ostern bei den Christen. Es ist ein Tag der Trauer, der an den Tod der Märtyrer in Kerbela erinnert, an den Tod von Imam Hossein, seines Sohns, seines Bruders und vieler anderer. Traditionell geißeln sich die Gläubigen an diesem Tag und schlagen sich mit Dolchen auf den Scheitel, bis das Blut fließt. Die einen schlagen sich auf die Brust, die anderen peitschen sich mit Ketten, manche tragen schwere Gerüste mit der imaginären Hochzeitssänfte („Hedschle“) für Ali Akbar, den in Kerbela gestorbenen Sohn von Hossein. Zu diesen Prozessionen erscheinen die Frauen gewöhnlich ganz in schwarz gehüllt, so dass man nichts sieht außer ihrem Gesicht.


Die Wende
Dieses Jahr war es anders. In den Tagen davor waren die Termine bei den meisten Friseuren ausgebucht. Die jungen Frauen ließen sich die Haare färben – oft blond, aufwändig frisieren, und schminkten sich nach allen Regeln der Kunst. Dazu setzten sie sich große Sonnenbrillen auf. Und so mischten sie sich unter die Menge der Trauernden. Auch die Burschen taten das Ihre – mit der Frisur, der Brille und der Gestik. So wurden auf diesen Umzügen, die in sämtlichen Städten und Dörfern des Irans mit schiitischer Bevölkerung stattfinden, nicht nur die üblichen Trauerlieder gesungen und gespielt, sondern Rap-Musik, und die Bewegungen, wie sich die Trauernden auf die Brust klopften, verwandelten sich in Rap-Tanz. Auch die Texte der Gedichte und Lieder waren an verschiedenen Orten so verfasst, dass sie sich auf die Tyrannen der Zeit bezogen, sprich auf das heutige Regime.

Und die Polizei?
Natürlich hätten die bewaffneten Organe des Staates eingreifen können, aber da ist ein Problem. Die Aschura-Feiern sind eine wichtige religiöse Feier, das Regime selbst hat ein großes Interesse daran, dass die Bevölkerung hierzu in die Öffentlichkeit geht. Und nach schiitischer Tradition hat der Feind von Imam Hossein, der berüchtigte Jasid, die Frauen aus der Familie des Imams geschlagen. Wenn die Polizei in dieser Situation einschreitet und die Frauen in der Trauermenge festnehmen will, weil sie das Haar nicht ausreichend mit dem Kopftuch verhüllen oder geschminkt sind, weckt ihr Verhalten den Widerstand der männlichen Teilnehmer. Sie werden den modernen Jasid in Gestalt der Staatsorgane entgegentreten und sie daran hindern, die Frauen zu verhaften. Und zwar gerade die traditionellen Gläubigen. Das setzt das Regime aufs Spiel, wenn es die Bewaffneten vorschickt. Also zogen die bewaffneten Beamten es vor, wegzuschauen. Aber natürlich war die Herausforderung sichtbar.


Die Antwort der Mollas
Überall wurde beklagt, dass die Frauen doch so nicht auf der Aschura-Feier erscheinen dürften, und mancherorts rieten die Mollas den Beamten gar, die „unislamische Bekleidung“ zu ignorieren, es sei doch ein gutes Zeichen, dass diese Frauen überhaupt zur Feier erschienen. Aber das kam mehr dem Eingeständnis einer Niederlage gleich. Also versuchte ein Teil der Geistlichen, den Hebel an anderer Stelle anzusetzen. An verschiedenen Orten traten die Freitagsprediger auf den Plan und erklärten, ein Mann, der zulasse, dass seine Frau oder seine Schwester in so einer Aufmachung an der Aschura teilnehme, habe keine Ehre – bi-gheyrat ist die Bezeichnung, und das trifft hart. Wer die Frau nicht daran hindere, komme selbst in die Hölle. So versucht das Regime also, die Männer zu seinen Hilfspolizisten zu machen, den Streit in die Familien zu tragen, um ihr eigenes Problem zu lösen. Ob ihr das noch gelingt?

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Iran: Kornelkirschen-Festival

Die Bilder lassen sich durch Anklicken vergrössern!

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Schiras (Iran): Ladenhüter Koran


Hafes-Denkmal in Schiras

Schiras ist bekannt für das Denkmal des Dichters Hafes, einem bekannten iranischen Klassiker. Alle, die vom Islamismus die Nase voll haben, treffen sich an diesem Ort, um sich zu erholen und abzulenken. Deshalb drängen sich dort die Menschenmassen. Die Geistlichen, denen die Schäfchen davon gelaufen sind, dachten sich, das wäre eine gute Gelegenheit, sie wieder einzufangen, und nahmen das Gelände des Hafes-Denkmals für Koranlesungen in Beschlag. Wer will, kann kommen und dort den Koran lesen. Mit dieser Maßnahme ist es den Mollas auf einen Schlag gelungen, das Denkmal menschenleer zu machen, wie man auf dem Foto sieht. Ihre Schäflein müssen sie wahrscheinlich im Schlachthaus suchen.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Iran: Die Macht der Verbote

Wir sehen ein Photo vom Randstreifen einer Autobahn in der iranischen Hauptstadt Teheran. Das Schild und der Text besagen ausdrücklich, dass dort Parkverbot herrscht. Aber in einem Land, in dem die Regierung ihre Gesetze nicht achtet, kann man das auch nicht von der Bevölkerung erwarten.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Interview mit Ali Schirasi über „Die Wüste glimmt“

In seinem neuen Roman »Die Wüste glimmt« schildert Ali Schirasi die Verhältnisse im Iran vor der »Islamischen Revolution«. Ein Gespräch mit dem deutsch-iranischen Schriftsteller über den Unmut der Bevölkerung gegen die Herrschaft des Schahs, die enttäuschten Hoffnungen der demokratischen Opposition und die Machtübernahme des Klerus.

Interview: Carl Melchers

Der 1940 im Iran geborene Ali Schirasi arbeitete während der Schahzeit als Lehrer und war Mitbegründer einer Lehrergewerkschaft. Wegen seiner politischen Aktivitäten wurde er mehrmals verhaftet. Auch unter Khomeini wurde er inhaftiert und im berüchtigten Evin-Gefängnis gefoltert. 1987 ­gelang ihm die Flucht aus dem Iran. Schirasi lebt heute als Schriftsteller in Deutschland.

Ihr neuer Roman »Die Wüste glimmt« erzählt vom Iran der fünfziger Jahre. Welche Rolle spielt die Zeitgeschichte für Sie?

Auf dem Land herrschte damals ein Feudalsystem, in dem die vom Grundherrn abhängige Landbevölkerung nicht einmal Bewegungsfreiheit hatte. Die Geschichte ist ebensowenig wie die Personen, die darin auftreten, eine Fiktion, sondern erlebte iranische Geschichte. Lediglich bestimmte Namen wurden geändert, die Ereignisse, die geschildert werden, haben sich aber tatsächlich zugetragen.

Können Sie den Inhalt und die Botschaft des Romans in wenigen Worten umreißen?

Einem Mann namens Gondik hat das Hochwasser die Familie geraubt. Psychisch krank, irrt er durch die Dörfer und trifft auf eine Frau, Pari, die einen schrecklichen Brand erlebt hat und ebenfalls krank von Dorf zu Dorf zieht. Mit der Unterstützung der Dorfbevölkerung schaffen sie es, festen Boden unter die Füße zu bekommen. Zusammen meistern sie ihre Schwierigkeiten und werden gar zum Vorbild für andere. Genauso ist es auch mit der Dorfbevölkerung selbst: Als die Einwohner den ersten Schritt wagen und die Fronarbeiten für den Gutsherrn verweigern, kommt eine Bewegung in Gang, die die Bauern freier macht. Die Stärke dieser Menschen liegt in der Gemeinsamkeit, sie setzt sich selbst gegen die Gendarmen und Militärs durch. Die Freiheit kostet allerdings Opfer, sie wird den Menschen nicht geschenkt.

Die Zeit, von der der Roman erzählt, haben Sie als Kind erlebt. Wie haben Sie die Zustände wahrgenommen?

Freitags mussten wir für den Grundherrn immer unbezahlte Frondienste leisten, die Bauern haben schon vor dem Aufstand gemurrt. Ich habe selbst vom Hausdach herab gesehen, wie der Grundherr Bauern an eine Platane fesselte und auspeitschte, und auch ich selbst habe seine Peitsche einmal zu spüren bekommen. Die Unzufriedenheit unter den Bauern konnte man mit Händen greifen.

Inwiefern spiegeln sich in der Geschichte die großen politischen Auseinandersetzungen im Iran jener Zeit?

Damals begannen im Iran eine Reihe politischer Ideen und Bewegungen wichtig zu werden. Dazu zählte die Forderung, das Land solle denen gehören, die es bebauen, sowie das Verlangen nach politischer Freiheit und der Gleichberechtigung der Geschlechter. Auf der einen Seite des Konflikts standen die nationale Bewegung und die Linke, die sich zu organisieren versuchte, auf der anderen Seite der Schah. Die nationale Bewegung forderte konkret die Verstaatlichung des Erdöls, das bislang von ausländischen Firmen ausgebeutet worden war. An der Spitze dieser Bewegung stand der damalige Premier­minister Mohammed Mossa­degh.

Sie haben manche Ereignisse selbst erlebt, aber nicht alle. Wessen Geschichte wird da eigentlich erzählt?

Das Buch ist nicht nur autobiographisch – es ist die kollektive Erinnerung einer Region, die der Erzähler nicht nur aus seiner eigenen Anschauung und Erinnerung wiedergibt, sondern auch auf der Basis von Gesprächen mit vielen anderen, die damals dabei waren, etwa Verwandte, aber auch andere Menschen, die in der Gegend lebten, oder ihre Kinder, die von ihren Eltern gehört hatten, was passiert war.

Welche der Protagonisten leben heute noch?

Ein paar Frauen, die im Roman vorkommen, leben noch, freilich sind sie mittlerweile hochbetagt. Einige der Kinder und Enkel der Protagonisten leben heute in den USA, in England oder in Deutschland, so auch der Sohn von Kazem. In meiner Erzählung spielt er eine wichtige Rolle als heißblütiger Revolutionär, der die Folgen seines Handelns schlecht übersehen kann. Kazem ist kürzlich gestorben.

Welche Geschichten sind autobiographisch?

Die meisten Ereignisse habe ich als Schulkind selbst miterlebt, die Begegnung mit Pari auf dem Heimweg von der Schule, die Entwicklung von Gondik, die Hochzeit. Als Schüler hatte ich damals politische Plakate von meinem Lehrer erhalten, der ebenfalls im Roman auftaucht, und sie auf den Dörfern verteilt. Zusammen mit anderen Schülern schrieb ich mit Kohle Parolen für Mossadegh an die Hauswände.

Der Roman beeindruckt auch durch seine Detailfülle.

Die vielen Details sind kein Selbstzweck, sie sind aber auch nicht nach einem festen Plan zusammengetragen, sie zeigen vielmehr, was sich dort abgespielt hat. Die Vorbereitungen der Hochzeit machen deutlich, welche Frontenbildungen auf dem Land existierten, wer mit wem aus welchen Gründen zusammengearbeitet hat. Es zeigt sich auch, wie selbst rein traditionelle Aktivitäten zu einer politischen Entwicklung führen können, weil die Menschen zusammenarbeiten. Das gemeinsame Organisieren entwickelt Fähigkeiten im Menschen, die man nicht ahnen würde.

Auch wenn all das in der Region Garmsar geschehen ist und manche Dinge charakteristisch für meine Heimatgegend sind, darf man nicht vergessen, dass sich Vergleichbares im ganzen Iran abgespielt hat.

Inwiefern hat die autoritäre »Modernisierung von oben« der Pahlavi-Dynastie dazu beigetragen, dass die Menschen Widerstand geleistet haben?

Der Iran hat eine lange Geschichte des Widerstands, die nicht erst mit der Opposition gegen das Regime der Pahlavis begann. Es war dieser Widerstand aus der Bevölkerung, der Anfang des 20. Jahrhunderts zur Revolution für eine konstitutionelle Monarchie führte und schließlich in eine bewaffnete Bewegung gegen das Schah-Regime mündete. Um zu verhindern, dass dieser Partisanenkrieg zu seinem Sturz führte, sahen sich der Schah und seine Bündnispartner – die US-Regierung unter Kennedy – gezwungen, Reformen durchzuführen. Dazu zählte auch eine Landreform, die den energischen Widerstand von Ayatollah Khomeini auslöste. Vor der Landreform des Schahs standen die einflussreichen Ayatollahs an der Spitze religiöser Stiftungen, die riesige Ländereien besaßen und mit dem Schah zusammenarbeiteten. Sowohl Ayatollah Khomeini wie auch sein Vater waren selbst Feudalherren und Großgrundbesitzer. Er war also gegen genau jene Reformen, die eine Reaktion auf den Widerstand der iranischen Bevölkerung darstellten. Das waren die Anfänge des »Revolutionärs« Khomeini.

In Ihrem Roman wahrt die schiitische Geistlichkeit deutliche Distanz zum Widerstand der Bevölkerung. Die offizielle Geschichtsdarstellung im Iran vermittelt dagegen den Eindruck, dass der damalige Widerstand von den heutigen Machthabern im Iran ausging.

Nach der Machtergreifung von Ayatollah Khomeini haben er und seine Leute versucht, die Geschichte zu fälschen und eine Reihe eigener »Märtyrer« der Revolution zu erfinden. Ayatollah Khomeini war eigentlich wegen seines Widerstands gegen die Landreform des Schahs und gegen die Durchsetzung des Wahlrechts für Frauen aus dem Iran verbannt worden und lebte zuerst in der Türkei, dann im Irak.

Wieso konnte er dennoch zum »Revolutionsführer« werden?

Ungefähr ein halbes Jahr vor der iranischen Revolution kam Ayatollah Khomeini nach Paris, und ab da war er nicht mehr nur unter den Bazarhändlern, sondern auch in der breiten Bevölkerung ein Begriff. Der Grund: Die französische Regierung unter Präsident Valéry Giscard d’Estaing und die BBC und andere westliche Medien boten ihm die Möglichkeit, übers Radio die iranische Bevölkerung zu erreichen – eine Möglichkeit, die die Linke nie besaß. Diese Haltung ist vor dem Hintergrund des Kalten Krieges zu sehen. Im Februar 1979 siegte im Iran die Revolution, im Dezember 1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein. Der Westen befürchtete, dass im Iran eine kommunistische Linke siegen könnte und unterstützte aus diesem Grund Ayatollah Khomeini. Die islamische Revolution war nicht das Ziel der Iraner, sondern des Westens.

Zur Zeit des Schahs waren auch Anhänger Khomeinis unter den politischen Gefangenen.

Ayatollah Rafsanjani – unter dem Schah war er noch ein Hodschatoleslam (ein religiöser Titel im schiitischen Islam, der in der Hierarchie unter dem Ayatollah angesiedelt ist; Anm. d. Red.) – und Ayatollah Khamenei – auch er war damals noch Hodschatoleslam – waren unter dem Schah kurze Zeit in Haft. Ich habe Rafsanjani damals selbst im Gefängnis erlebt und gemerkt, wie egoistisch und rücksichtslos er sich damals verhalten hat. Inzwischen sollen Dokumente gefunden worden sein, die belegen, dass Rafsanjani und Khamenei während ihrer Haft und danach mit dem Savak, dem Geheimdienst des Schahs, zusammengearbeitet und auch ihre Mitgefangenen verraten hätten. Die iranische Bevölkerung sagt selbst ohne die Kenntnis dieser Details, dass diese beiden keine wichtigen Figuren im Widerstand gewesen seien. Im Volk gelten sie als betrügerische Füchse.

Wurde der Schah nicht auch von Teilen des Klerus unterstützt?

Richtig. Drei weitere heute wichtige Figuren, Ayatollah Makarem Schirazi, Ayatollah Mesbah Yazdi, der ideologische Mentor von Mahmoud Ahmadinejad, und Ayatollah Tabassi, waren sogar Anhänger des Schahs und haben die Seiten gewechselt, als sie merkten, dass es mit ihm zu Ende geht.

So kommt es, dass es heute nicht nur unter den Linken, nicht nur unter der normalen Bevölkerung, sondern sogar unter den sogenannten Prinzipialisten (so nennt sich eine Gruppe der islamistischen Hardliner im Iran; Anm. d. Red.) Allgemeingut ist, dass diese Kerle nichts mit der Revolution am Hut hatten. Insofern kann man nicht behaupten, dass die staatlichen Versuche, die iranische Revolution als eigene Leistung für sich zu vereinnahmen, erfolgreich gewesen seien.

Gibt es »Gegenerzählungen« in der neuen Oppositionsbewegung, bei den Studierenden und der neuen Arbeiterbewegung?

In der breiten Bevölkerung, keineswegs nur unter den Linken oder Gewerkschaftern oder Studenten, ist bekannt, dass der bewaffnete Widerstand gegen das Schah-Regime von linken Gruppen wie den Partisanen der Volksfedayin und von den Volksmujaheddin getragen wurde.

Ayatollah Khomeini war zwar wegen seines internationalen Renommees auch im Iran ein bekannter Mann, aber in der Bevölkerung noch viel bekannter waren die Ayatollahs Taleqani, Montazeri, Motahari und Beheshti. Taleqani und Montazeri waren unter dem Schah im Gefängnis gewesen und waren die bekanntesten und angesehensten Geistlichen im Iran. Das wusste auch Ayatollah Khomeini.

Von diesen damals populären Klerikern lebt heute keiner mehr, oder?

Ayatollah Taleqani wurde vergiftet, Motahari fiel einem Terroranschlag zum Opfer, der von einer ominösen Gruppe namens Forqan verübt worden sein soll, wobei man munkelt, dass diese Gruppe auf Veranlassung von Ayatollah Khomeini zugeschlagen hat, Ayatollah Beheshti fiel ebenfalls einem Terroranschlag zum Opfer, für den das Regime die Volksmujaheddin verantwortlich machte, und Ayatollah Montazeri stand bis zum Ende seines Lebens unter Hausarrest, da er das Gefangenen-Massaker von 1987 verurteilt hatte, das aufgrund einer Fatwa von Ayatollah Khomeini verübt wurde. Dieser Widerstand gegen das Massaker war das Ende für Ayatollah Montazeri. Es ist bezeichnend, dass der Tod von Ayatollah Montazeri im Jahr 2009, dem Jahr der großen Wahlfälschung, zu einer Demonstration von Millionen von Iranern führte, die ihm das letzte Geleit gaben. Keiner der staatlichen Geistlichen könnte so viele Menschen mobilisieren.

Sie haben als Lehrer im Iran gearbeitet und eine Lehrergewerkschaft mitbegründet. Wegen Ihres politischen Engagements saßen Sie viele Jahre im Gefängnis. Welche Erfahrungen haben Ihre politische Haltung geprägt?

Als ich in die Schule ging, musste ich jeden Tag bis spät abends auf Baumwoll- und Honig­melonenfeldern arbeiten, auch an Feiertagen. Oft wurde ich bei der Arbeit ausgepeitscht, und letztlich musste ich vom Land in die Stadt fliehen. In Teheran bestand ich die Aufnahmeprüfung für ein Internat und machte später die Ausbildung zum Grundschullehrer. Meine unbestimmten Gefühle, die allgemein gegen Unterdrückung gerichtet waren, formten sich in dieser Zeit zu politischen Überzeugungen und organisiertem Handeln. Die Lehrergewerkschaft bestand aus zwei Teilen, einem hochaktiven legalen Teil, der in der Öffentlichkeit für bessere Löhne, Krankenversicherung oder erschwingliche Lehrerwohnungen eintrat, und einem Teil, der im Untergrund agierte, der das gesamte System grundlegend ändern wollte, kurz, eine Revolution anstrebte.

Was waren damals Ihre Vorstellungen und wie beurteilen Sie heute diese Ideen? Gibt es Übereinstimmungen mit dem heutigen Widerstand der Menschen in Tunesien, Ägypten, Syrien – oder im Iran?

Die Ereignisse in Tunesien oder Ägypten, die sichtbar wurden, nachdem ich mein Buch geschrieben hatte, machen deutlich, dass der Geist der Freiheit, der Wille zur Veränderung weiter lebt. Damals bewegten uns sozialistische Vorstellungen, die für uns untrennbar verbunden waren mit demokratischen und sozial gerechten Verhältnissen, der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und den Menschenrechten. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Zur Frage der Ziele der Menschen in den Ländern des arabischen Frühlings oder des Iran kann ich vielleicht so viel sagen: Ein religiöses Modell kann den Menschen nicht wirklich frei machen. Eine Alternative kann nur ein säkulares Modell sein, unter der Bedingung, dass die Menschenrechte geachtet werden. Das Thema damals wie heute ist die Befreiung der Menschen von der Unterdrückung.

Ali Schirasi: Die Wüste glimmt. Agenda-Verlag, Münster 2012, 378 Seiten, 19,80 Euro
Das Interview erschien am 14.04.2013 in der Zeitung Jungle World.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

13. Farwardin (2. April) im Iran

Gemäß der iranischen Norous-Tradition ist der 13. Farwardin der Tag, an dem man nicht arbeitet sondern einen Ausflug ins Grüne macht. Entweder in einen nahe gelegenen Park der Großstadt oder in die Berge. An jedem anderen Tag würde jede kleine Ansammlung von mehr als 50 Personen von der Polizei misstrauisch begleitet. Am 13. Farwardin ist das unmöglich, da sich Millionen und Abermillionen auf den Weg machen.


Diese Familie ist gerade mit einem Bus oder ihrem Auto bei einem Park angekommen, wo sie versuchen, einen freien Platz zu finden.


Diese Familien sind früh aufgestanden, haben ihr Plätzchen gefunden und dort ihre Zelte aufgebaut. Als nächstes bereiten sie ihr Mittagessen vor.


Diese Familie hat ihre Teppiche in der Nähe eines kleinen Baches aufgebaut. Man sonnt sich oder hält ein Schläfchen.


Manche ziehen einen Platz im Schatten vor. Im Hintergrund spielt die Jugend auf der Wiese.


Auch diese Gruppe ist noch auf der Suche nach eiem Platz.


Den alten ist es erlaubt, sich hinzulegen und Radio zu hören.


Im Nordwestiran ist es zu dieser Jahreszeit nicht leicht ein grünes Plätzchen zu finden. Alle versammeln sich daher in der Nähe von blühenden Bäumen wie diesen.


Es geht nicht nur darum ins grüne zu gehen, sondern man möchte auch einmal ungestört über Politik sprechen.


Wer einen Platz gefunden hat, entfacht ein Feuer um sein Essen zuzubereiten.


Manche wollen noch hoch hinaus und reihen sich ein in eine Wanderung zum nächsten Gipfel.


Was kommt nach dem Kochen und dem Essen? Politische Diskussionen zwischen Freunden oder Kampfgefährten.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Nourus – Neujahr im Iran

Für die Iraner ist das 13-tägige Neujahrsfest Nourus auch Reisezeit, und Orte, die an die vorislamische Vergangenheit oder an nationale Dichter erinnern, werden immer häufiger zum Reiseziel, neben typischen Ferienorten, wo man zum Baden hingeht – sofern der Geldbeutel es noch zulässt.
Die Bilder aus Pasargad vom Grab des iranischen Königs Kurusch (Kyros) stammen noch vom Vorjahr, das vom Hafis-Grab aus Schiras ist von diesem Jahr.





Hier beim Hafis-Grabmal in Schiras:

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Iran:Nowruz

I LOVE IRAN- من عاشق ايرانم
http://www.youtube.com/watch?v=d7tfotVOUI4&feature=em-share_video_user

Rastak Band – Sornaaye Nowrouz رسـتاک – سـرنـای نـوروز
Die iranische Gruppe Rastak spielt Lieder zum persischen Neujahrsfest in verschiedenen Sprachen und Dialekten des Irans, mit ihren jeweiligen Instrumenten: auf Persisch, Aseri, Masenderani, Balutschi, Raschti und Kurdisch.
http://www.youtube.com/watch?v=a_Nj5kIDajc

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Feuer im ganzen Iran: Tscharschanbeh Suri – Fest

Seit Mitte Februar haben die Zuständigen bei den Sicherheitskräften in Interviews regelmäßig vor einer Teilnahme an diesem iranischen Fest gewarnt: es sei unislamisch, es dürften keine Feuer entzündet werden. Doch im ganzen Iran haben die Iraner ignoriert, was die Geistlichkeit und die Polizei von sich gaben und trotz allem ihre alte Tradition gefeiert.

Szenen wie unten abgebildet konnte man heute Abend im ganzen Iran sehen:

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Iranischer Frühling

In den 34 Jahren seit der Revolution von 1979 haben die iranischen Islamisten nicht nur versucht, das iranische Neujahrsfest Nourus zu unterdrücken, auch alte Traditionen wie Tschahor-Schanbeje-Suri oder Erntedankfeiern waren den Mollas ein Dorn im Auge, weil sie auf vorislamische Traditionen zurückgriffen.
Jetzt haben die Menschen in Sabsewar (bei Maschhad) die Erntedanktänze wieder aufgegriffen und in die Neujahrsfeier integriert. Und Reporter der staatlichen iranischen Nachrichtenagentur Mehr haben den Mut gefunden, mit Bildern darüber zu berichten:

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Baghali – Labu : Straßenverkäufer im Iran

Baghali oder Baghala ist die persische Bezeichnung für Saubohne, Labu ist die gekochte Rote Beete.
Beides wird bis in die späten Abendstunden von Straßenverkäufern als gekochtes Essen angeboten. Die Zerstörung der iranischen Mittelschicht durch die Politik der iranischen Regierung hat dazu geführt, dass unter den Verkäufern auch Lehrer und Akademiker zu finden sind.
Inzwischen werden Fotos dieser Straßenverkäufer selbst von der Nachrichtenagentur Fars veröffentlicht, die den Pasdaran (Revolutionswächtern) nahesteht.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Iran: Ein großer Erfolg

Das Neujahrsfest Nourus ist eines der wichtigsten Feiern im Iran, und zudem ein vorislamisches Fest. Die Mollas haben deshalb stets ihr Bestes gegeben, den Iranern dieses Fest zu vermiesen.
Aber die ließen sich nicht davon abbringen, es jedes Jahr aufs Neue zu feiern.
Diesmal ist es anders:

In der Auslage ist Adschil zu sehen, getrocknete Samen und Nüsse, die zum Knabbern beim Neujahrsfest sehr beliebt sind. Aber die Preise sind so gestiegen, dass selbst das Ersparte nicht reicht, um sich die gewünschte Menge zu kaufen. Die eine Kundin schlägt sich erschrocken auf die Backe, die andere beißt sich auf die Lippen.
Ja, dieses Jahr haben die Mollas wirklich etwas erreicht. Dank der horrenden Inflation schaffen sie es sogar, den Iranern das Neujahrsfeiern auszutreiben.
Hoffen wir, dass es den Iranern bald gelingt, diese Mollas auszutreiben.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Kurdische Tänze an der Freien Universität Teheran

Die iranischen Mollas sind nicht dafür bekannt, dass sie Tänze und speziell gemeinsame Tänze von Männern und Frauen fördern. Aber offensichtlich gelingt es den Jugendlichen immer wieder, den Spassverderbern eins auszuwischen.

So hatten iranische Kurden, wohl Angehörige von Nomaden, eine Erlaubnis bekommen, vor der Freien Universität Teheran ein Zelt aufzubauen. Bei dieser Gelegenheit führten sie auch gleich einen ihrer Gruppentänze auf. Man sieht, wie Männer und Frauen gemeinsam tanzen. Überall an den Fenstern sammeln sich neugierige Zuschauerinnen und Zuschauer, und man hört am Schluss den Ruf „Dobare, dobare“ (Nochmal – also, Zugabe!).
Hier der Link zum Video.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Aschura: Von der Trauer zum Protest

Wir hatten am 3. Dezember schon darüber berichtet, dass in der iranischen Stadt Jasd dieses Jahr die zehn Trauertage bis zum Höhepunkt des Trauermonats Moharram, dem Aschura-Tag, besondere Trauerlieder gesungen wurden. Dort hieß es:
„Dies hier ist die Stadt der Toten. (=Iran)
Eine frische Stimme – verboten
die Lippen einer Knospe (=die neue Generation)– geschlossen“
Diese Trauerfeier zog Tausende von Menschen an, die mitsangen, und wie man an folgendem Video sieht, war ein beachtlicher Teil junge Menschen. Auch Frauen waren anwesend, aber die wurden aus religiösen Gründen offenkundig ausgeblendet. Wie man an der sich wiederholenden Massenveranstaltung erkennen kann, kann die Opposition gegen den Religiösen Führer und die Regierung auch unter gläubigen Menschen Massen hinter sich vereinigen, sobald nicht die Gefahr der Verhaftung besteht.
Hier der Link zum Video, unter dem auch der vollständige Text auf Persisch zu finden ist.
Und hier ein weiteres Stück aus dem Text, den der Trauerredner gesungen hat:
yek su seta:re zaxmi / yek su parande dar gur
tanha:ye morde bar xa:k / marda:n zende dar gur
ha:sha: az in taba:hi / ta: key shab va siya:hi
a:n ruze digar ku

Auf der einen Seite ein verletzter Stern / Auf der anderen Seite ein Vogel im Grab.
Nur die Toten sind auf der Erde / Die Tapferen sind lebend im Grab.
Was ist das für ein Verbrechen! / Wie lange noch Nacht und Finsternis?
Wo ist der andere Tag? (gemeint: an dem sich das ändert)

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Iran: Vom Trauermonat zur Narrenfreiheit?

Bekanntlich läutet die Fasnacht die Fastenzeit ein, und auch die schiitischen Trauerfeiern und Prozessionen in den zehn Tagen des Moharram bis zum Aschura-Fest – dem 10. Tag des Trauermonats – haben mit ihren bunten Verkleidungen und Aufführungen so manches mit Theater und Fasnacht gemeinsam. Wie es aussieht, schafft sich das Volk hier ein Ventil, um sich zu erleichtern und einen Ausgleich gegen den religiösen Druck zu finden.

Bislang war es üblich, dass sich die Menschen in langen Prozessionen zum Aschura-Tag selbst schlugen oder sogar geißelten, in Gedenken an den Märtyrertod von Imam Hussein. Üblich war und ist es auch, dass dabei von entsprechend geübten Personen Trauerlieder – Nouhe genannt – gesungen werden, deren Texte bislang im Rahmen der religiösen Traditionen blieben.


Trauerzeremonie in Jasd

In Jasd, einer Stadt in der Nähe von Isfahan, haben sich nun Tausende von Trauernden unter dem von dem islamischen Verein Besat Jasd1 per Lautsprecher verbreiteten Gesang eines Trauersängers aufs Haupt und auf die Brust geschlagen. Dieser Gesang war gegen die Tyrannei gerichtet. Nach offizieller Lesart ist damit das Schahregime gemeint, aber das Empfinden der Menschen bezieht den Text auf die heutige Lage.

Der Trauergesang der in Jasd zu hören war:

Hier die Übersetzung des Trauergesangs mit Anmerkungen zu einer alternativen und durchaus verbreiteten Interpretation in Klammern:

Redet hier nicht von Blume, (=Schönheit und Freude)
das ist ein Befehl des Schahs (=Chamene‘i).
Auge und Licht zu sein, (=Wahrheit zu wissen)
ist hellste Sünde.
Das Urteil gegen die Blüte
ist das gegen Ketzer, (=Hinrichtung)
die Strafe für das Veilchen (=Jugend)
ist die Kette,
das Schicksal der Morgenröte (=Protestierende)
die Verbannung.
Der Platz des Sterns (=Revolutionäre)
ist das Verließ,
dies hier ist die Stadt der Toten. (=Iran)
Eine frische Stimme – verboten
die Lippen einer Knospe (=die neue Generation)– geschlossen
eine unerlaubte Blume (=Schönheit und Freude) – verboten
das Haus des Chalifen (Chamene‘i) – blüht
Ignoranz und Aberglaube – frei
Unrecht folgt Unrecht
ein Wort mehr – verboten
eine unerlaubte Blume – verboten.

  1. Der islamische Verein hat eine lange Tradition. Unter dem Schah war er sehr aktiv und hat zu seinen Großveranstaltungen im Trauermonat Moharram stets Geistliche eingeladen und predigen lassen, die Gegner des Schahs waren. Nach der Islamischen Revolution haben sie Ajatollah Chomeini unterstützt, später Khatami, Rafsandschani und Mussawi. [zurück]
Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email